Warten

(Geschrieben am 13.08.2015)

Wir fahren nach München, und unterwegs sagt die Bella zu ihrem Mann, dass sie es schade fände, nicht genug Leinwände zu haben. Dann könnte sie ja wirklich mal ein Bild malen. Manchmal gäbe es ja so Sonderangebote in den Discountern – da seien die Leinwände sehr preiswert.
Wir fahren weiter. Der Graubezopfte steuert den Wagen sicher durch den Verkehr.
Schließlich wird Rast gemacht in Münchberg. Hier essen die Beiden was. Anschließend wollen sie noch zu lidl, einen Liter Milch und etwas Obst kaufen.
Und währen die Bella durch die Regalreihen läuft, sieht sie fast sofort einen großen Verkaufstisch mit Farben, Pinseln und Leinwänden.
Noch irgendwelche Fragen?
Oder Zweifel an der Synchronizität der Geschehnisse?
Die Bella kann es kaum glauben, ist glücklich … „Jetzt kann ich endlich anfangen“, sagt sie. „Das gibt es doch gar nicht. Es soll wohl so sein.“

Dann sind wir in München.

Hier lebt Bellas Mann.
Ein ruhiger Abend, den die Beiden im Garten verbringen – eine Oase der Ruhe.

Gleich am nächsten Tag wird die Bella mit einem Thema konfrontiert, das sie völlig aushebelt. Starke Emotionen sind damit verbunden, Tränen fließen.
Ans Malen ist nicht mehr zu denken.
Am Abend kommt der Graubezopfte von der Arbeit nach Hause, sieht der Bella ins Gesicht und weiß sofort, dass dies ein für sie „schlechter“ Tag ist.
Doch der vermeintlich schlechte Tag entpuppt sich als eine Quelle von Erkenntnissen.
Für Beide.
Wieder einmal geht es um Beziehungsfragen.
Und Beide, die diesen Themen gerne auch mal ausweichen, stellen sich ihren Fragen.

Es finden einfach gewaltige Umwälzungen statt in Bellas Innerem.
Jetzt kommen die Dinge ans Licht. Und zwar alle Dinge.
Jetzt wird geredet – und zwar vorbehaltlos.
Genug geschwiegen.
Genug alles Fühlbare abgekapselt und dem Verstand den Vorzug gegeben.
Genug den Kopf eingezogen.
Dieser „Konflikt“ wird begleitet von einem starken Gefühlsausbruch, der wieder eine Tür mehr öffnet – in Bellas Herzen und dem ihres Mannes.
Denn so ein Burnout beschränkt sich nicht auf das Offensichtliche.
Gerade das Verborgende wird nun wie im Scheinwerferlicht angestrahlt.

„Eigentlich“ will die Bella in München ganz was anderes machen. Nämlich malen und sich entspannen. Doch durch die Auseinandersetzung mit dem Graubezopften kommt sie dazu nicht. Das wirft sie ihm auch prompt gleich vor, merkt dann aber, dass die Störung absoluten Vorrang hat.
Und so können die Beiden ein klärendes Gespräch führen, an dessen Ende sie sich wieder in den Armen liegen. Und die Bella versteht: das ist nun wesentlich und viel wichtiger gewesen, als alles, was sie ursprünglich hatte tun wollen.

Es gibt also keine Eile.
Das, was getan werden will, wird getan.
Doch nun herrscht ein eigenes Tempo.
Diese Aus-Zeit ist notwendig.
Und die Veränderung macht nicht Halt vor der eigenen Haustür. Sie strahlt in alle anderen Bereiche in Bellas Leben mit hinein und berührt auch andere Menschen.
Ein Teil des Mobilés wird bewegt … nämlich Bella … und alle anderen Teile schwingen mit. Der Partner, die Tochter, die Familie … Freunde.

„Es passiert nichts“, meint die Bella. „Die Tage verstreichen so.“
Es ist keine Prokrastination – was für scheussliche Worte die Menschen manchmal benutzen. „Aufschieberitis“ … ja und? Manchmal darf auch das sein. Wie kann man sich nach einem vollen Arbeitstag mit vielfältigen Anforderungen und weiteren Verpflichtungen privat und in der Familie dafür verachten, dass man keine Lust mehr hat, den Papierstapel in der Küche abzutragen oder endlich mal den Wasserhahn zu reparieren? So war das immer. Erst noch schnell dieses und jenes erledigen – und wenn nicht, dann mit schlechtem Gewissen auf das Sofa.
Und das schlechte Gewissen und die Gedanken rumoren im Inneren, und der eigene Antreiber hat wieder mal mächtig Futter.
Der Graubezopfte schafft das viel besser. Der tut, worauf er Lust hat. Und wenn es ums Aufräumen geht, hat er oft gar keine Lust. Lieber raus in den Garten.
Der Seele tut das gut. In gewissem Maße. Natürlich wird es irgendwann mal zu viel mit dem Aufräumen, weil man dann nicht mehr hinterher kommt.
Und die Bella, die ein Thema mit Perfektionismus und Auch-keine-Lust-haben hat, sich dies aber nicht zugestehen kann, hat natürlich einen Partner, der ihr genau dies spiegelt. Schön.
So sorgt das Universum für alles. Das ist das Prinzip der Resonanz.
Es zeigt durch die Menschen im eigenen Leben immer auf direktem Wege, worum es geht – wo die Menschen noch ihre blinden Flecken haben und welche Themen durch sie sichtbar werden.

Dies ist die Zeit des Wartens. Die Zeit des Wandels.
Die Seele braucht Zeit.
Und der Mensch muss sie ihr geben, wenn er sie verstehen will.
Ich flüstere es der Bella nach wie vor täglich ein.
Und noch immer tut sie sich schwer, mir zu glauben.
Es ist nicht leicht, ein verlangsamtes Leben zu führen, wenn man es nicht gewohnt ist.
Sie tut es schon ganz gut.
Ihre Freude an den kleinen Dingen – beim Betrachten von Vögeln und Insekten, das tägliche Begutachten der Rosen im Garten, die Spur der Schnecken zu verfolgen oder die der Ameisen – hilft ihr dabei.

Neulich geschah es in einer geführten Meditation, dass die Bella hin fühlen sollte, wo im Körper sich eine Blockade befände.
Das war sofort sehr leicht spürbar: der Nacken.
Dort war alles hart und angespannt.
Und dann sollte die Bella da weiter dran bleiben … kommt da ein Begriff, eine Idee, wofür diese Blockade steht?
Ja … fast sofort. Dieser Bereich da im Nacken identifizierte sich als Angst.
Und während die Bella da hin spürte, rollten ihr die Tränen übers Gesicht.
Dann gab es die Empfehlung, noch mehr hineinzugehen in das Gefühl … und ob es ein Bild gäbe dazu.
Und dann geschah etwas ganz Wundervolles: Die Bella sah einen schönen Schwan.
Und wie der sich von ihrem Nacken abstieß und mit geräuschvollem Flügelschlagen langsam schwerlich erst, doch dann umso anmutiger über den Wassern davonflog.

Wer einmal einem Schwan zugesehen hat, weiß, dass das Tier ziemlich lange braucht, um in die Lüfte zu steigen.
So war es bei Bellas Schwan auch.
Doch er schaffte es.
Und die Bella saß da und ließ die Tränen weiter laufen.

Und gestern nahm sie nach Langem wieder ihre Farben hervor, malte zwei Bilder und dann noch mich. Draußen im grünen Wohnzimmer.

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Von wegen – es passiert nichts.

Es passiert ganz viel.

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