Tanz – oder das In-Kontakt-treten mit einem Anderen

Es gibt Dinge, die möchte die Bella nicht so ins Internet hinausblasen, die gehen keinen was an, die kann man auch gar nicht erklären – vor allem, sich selbst noch nicht.
Und so tut man gut daran, erst mal im stillen Kämmerlein für sich selbst zu sortieren.
Wobei – so still ist es ja nicht – dafür sorge ich schon.

Wir sind also ziemlich beschäftigt, die Bella und ich.
Gedankenkarussells, erdrutschartige Talfahrten durch Trauerland, heftige Emotionen, längst vergessene Gesterns, die aus dem Nebel auftauchen, wenig Schlaf, Freude, Kummer, Abschottung, Zweifel, plötzliche Euphorie … von Allem etwas.
Welches Schweinderl hättens denn gerne?

Neben all dem Anstrengenden, was diese Zeitqualität so zu bieten hat, hört Bella auch auf mich.
Ich will mich natürlich entspannen, Freude haben, Bella motivieren, es sich gut gehen zu lassen. Und wo geht das am besten?
Richtig: beim Tanzen.

Also geht Bella wieder Salsatanzen, etwas, das sie sehr lange tat und dann einfach eines Tages damit aufhörte.
Nun hat sie wieder begonnen, nach einer langen Pause von fast 5 oder 6 Jahren.

Und es ist wie immer.
Die Musik erklingt und dringt ein … nicht nur in die Ohren … nein – in den ganzen Leib. Wird erfahren, gefühlt, rauscht durch die Synapsen und versetzt gleich mal die Hormone in Wallung, erweckt den Körper. Und die Seele singt schon mit.
Kurz kurz lang ist der Rhythmus, dem sich die Beine anpassen, ganz automatisch, weil sie diese Schrittfolge im Traum noch bewältigen könnten. Einmal gelernt, an Hunderten von Tagen ausgeführt … in Fleisch und Blut übergegangen. Nur die Figuren, die Drehungen, die sind ein wenig verrostet, vergessen, müssen wieder geübt werden.
Und natürlich braucht man beim Salsa einen Partner – einen Mann, der führt.

Bella geht in einen Tanzschuppen, wo sie keinen festen Tanzpartner braucht. Hier gibt es eine Übungseinheit, bei der nach jedem Lied der Partner gewechselt wird.
Das hat für beide Partner – für den Führenden (in der Regel den Mann) und die Geführte (in der Regel die Frau) – große Vorteile, weil man sich nicht so aufeinander einschießt, sondern lernt, sich auf jedes neue Gegenüber einzulassen.
Man begegnet sich … meist nur für einen Song … und entdeckt einander im Space von Rhythmus und Bewegung, Abläufen, Druck oder sanften Berührungen.
Sehr schnell werden Unterschiede, Tanzstile der einzelnen Tanzpartner klar.
Manchmal geht es sehr mühelos miteinander, ein anderes Mal will es nicht gut harmonieren, muss man ein wenig rumprobieren, bis man sich gefunden hat.
Natürlich kommt man sich beim Salsa ziemlich nahe – auch Gerüche spielen eine Rolle und die emotionale Verfassung der Tanzenden.
Als Frau bemerkt Bella relativ schnell, wie entspannt der Mann ist, ob Anfänger oder Fortgeschrittener, erlebt Einfühlsames oder heftiges Herumgezerre.
Das Ego schafft sich eine Bühne.
Manche Männer sind gute Tänzer, können sich aber schlecht auf ihre Tanzpartnerin einlassen. Sie wollen zeigen, was sie draufhaben, wollen ihre 99 Figuren und diverse Tanzbausteine tanzen, ohne groß Rücksicht darauf zu nehmen, ab die Frau in ihrem Arm da gut mitkommt. So kommt es dann leider dazu, dass die Frau mit hechelnder Zunge alle möglichen Verdrehungen und Armverrenkungen über sich ergehen lassen muss, weil sie die Figuren noch nie getanzt hat und plötzlich in Stress kommt.

Sich Führen lassen, ist auch nicht so einfach, werte Herren.
Man(n) denkt, das ist ganz leicht, sie muss ja nur mitgehen.
Nun ja … Menschen sind verschieden – und Frauen auch.
Einige schweben elfengleich auf hochhackigen Schuhen über die Tanzfläche, und Bella fragt sich dann jedes Mal, wie man überhaupt in solchen Schuhen laufen kann, geschweige denn, tanzen. Diese Art Frau tänzelt also vorüber, keine Haarsträhne ist verrutscht, kein einziger Schweißtropfen wird sichtbar, während sie von ihrem Partner über die glatte Tanzfläche gewirbelt wird und scheinbar mühelos all dem folgt, was er an Impulsen vorgibt.
Großartig. Da steht Bella dann und kann nur staunen.
Alleine am Rande zu stehen und zu beobachten, was da im Getümmel so passiert, ist schon interessant, es dann selbst zu erleben, nochmal aufschlussreicher.

Mittlerweile tanzen auch manchmal Frauen miteinander. Nicht nur, dass es sich dabei um gleichgeschlechtliche Paare handelt, oftmals wollen Frauen auch das Führen lernen.
Bevor frau also am Rand steht und nicht aufgefordert wird, lernt sie doch lieber gleich den männlichen Part.
In der Regel führen Frauen anders als Männer. Weicher.
Bella mag das, dieses „weiche“ Geführtwerden.
Der Erste, der das tat, war ihr erster Tanzlehrer O., ein echter Kubaner, bei dem man den Eindruck hatte, dass er einen sanft mit dem kleinen Finger dirigierte. Tatsächlich, so erläuterte er, tanze der Mann aus dem Becken heraus und die Bewegung setze sich nur in den Arm fort.
Leicht gesagt, doch wer diese Rhythmen schon mit der Muttermilch gelernt hat, der hat das wahrscheinlich im Blut.
Mit O. zu tanzen war also jedes Mal eine Wonne. Wenn man diejenige war, mit der er gerade eine neue Figur für den Abend zeigte, dann war wirklich jede der anwesenden Tanzschülerinnen selig.
Und O. zuzusehen alleine war schon Genuss. Völlig unangestrengt bewegte er sich geschmeidig wie ein Panther.

Salsa lässt der Frau nur wenig Spielraum – dass der Mann führt, ist klar. Er dominiert und gibt die Figuren vor. Die locker gehaltenen Hände bleiben meist miteinander verbunden, so dass die Frau immer den Kontakt zum Mann hat.
Sich im Tanz zu begegnen, ist Sprache ohne Worte. Es kann zu einem Dialog kommen, zu einem Spiel, bei dem es nicht darum geht, festgelegte Figuren zu tanzen, sondern ein harmonisches Gemeinsames zu kreieren, den Raum zu öffnen, dem Rhythmus der Musik und dem Gefühl zu folgen. Überhaupt – das Gefühl. Manchmal sind Paare zu beobachten, da sieht man perfekte Technik, doch kein Gefühl will da transportiert werden – da wird keine Geschichte erzählt, kein Faden gesponnen. Da bleibt die Begegnung eine mechanische, in der zwei Körper sich bewegen, der Rest bleibt unbeteiligt.
Dem Anderen die Hand reichen, sich führen lassen, sein SoSein aufzunehmen und zu folgen, sich hineingleiten lassen in eine variierende Woge aus Schritten und Bewegungen in mitunter sehr hoher Geschwindigkeit und dem Vertrauen darauf, dass der Mann die Frau hält und unterstützt, bildet den Rahmen für eine intime Zusammenkunft, die sich mit jedem Menschen anders anfühlt.

Vorgestern tanzte Bella mit einem jungen Mann, der sich anfangs dafür entschuldigte, dass er noch nicht lange dabei sei und etwa erst seit drei Monaten Salsa tanze. Doch dann? Er entpuppte sich als ein deutscher O. Irgendwie hatte er es genau so drauf, diese Mischung aus Führen und Raum geben, gab feine, leichte Impulse, und Bella wusste genau, was er von ihr wollte und konnte gut folgen. Er entschuldigte sich bestimmt noch zwei Male für seine Anfängerfehler, einmal kamen sie auch aus dem Takt, doch Bella verriet ihm, dass er tanzen würde wie ein Kubaner, und dass sie großen Spaß daran hätte, jetzt gerade mit ihm auf der Tanzfläche zu sein, und da freute er sich sehr und über dieses Freuen hinweg versäumten sie den Partnerwechsel und tanzten gleich noch ein Lied zusammen.
Sehr schön.
Danach kam ein Mann, der sehr, sehr gut führen konnte, im Griff und in den Bewegungen aber viel dynamischer, fordernder war, und da war es wieder eine ganz andere Erfahrung …

Salsa ist so viel mehr als ein Tanz.
Salsa ist ein Lebensgefühl – eines, das auch den Europäer erfasst und ihn am Abend ein bisschen glücklicher gemacht hat.