Introjekte und deren 1. Botschafter: der Schweinehund

Ein Introjekt ist das, was wir in uns aufnehmen – Nahrung, zum Beispiel – es genügend kauen und verdauen.
Unzerkaute, gierig geschluckte Nahrung liegt meist schwer im Magen.
Der Mensch wird dann versuchen, diese möglichst schnell wieder loszuwerden, weil er sich unwohl fühlt und sich mittels Erbrechen Erleichterung verschaffen kann.
Wird dieses Gefühl unterdrückt, bleibt die Nahrung im Magen liegen und das Unwohlsein oder die Übelkeit bleibt eine Weile bestehen.

Ein Kind weiß meist sehr genau, wann es satt ist, doch neigen Erwachsene leicht dazu, dem kleinen Menschen noch mehr hineinzustopfen – er soll ja groß und stark werden.
Ebenso verhält es sich mit geistiger Nahrung. Auch da wird viel hineingegeben in den kleinen Organismus, der eine eigene Identität hat, sich aber im Laufe des Lebens an seine Eltern anpasst … und schluckt … und schluckt, weil es ja seinen Eltern gefallen und von ihnen geliebt werden will.
Und so treten die eigenen Bedürfnisse mehr und mehr in den Hintergrund – die Autoritätspersonen übernehmen das Kommando – sie wissen schließlich, was richtig und falsch ist.
Die ganzen Solls und Müssen häufen sich also an im kleinen Menschen, der heranwächst und irgendwann vergessen hat, ob das Erleben wirklich ihm entspricht, oder irgendwann einmal eine gebildete Überzeugung von jemand Anderem war, das übernommen wurde – nicht hinterfragt, nicht genügend gekaut – und nicht ausgespieen.
Wenn das kleine Kind ständig hört, was es alles nicht kann, was es alles falsch macht, dass es zu laut oder zu wild ist, dann wird es alles daran setzen, sich zu verändern, um seinen Eltern zu gefallen. es wird sich anstrengen, leise sein, still werden und so immer mehr tun, was von ihm erwartet wird.

Diese Introjekte wirken fortwährend weiter.

In jeder aktuellen Situation, in der man denkt, sich einer Lösung zu nähern, wirken so die alten Überzeugungen aus der Kindheit, die sich in Reaktionsbildung zu eigen gemacht wurden. Meist aus gutem Grund. Ganz oft nutzen sie nämlich dem Kind, das früh lernt, dass Anpassung zwar seinen Preis hat, man aber dann in Ruhe gelassen wird. Später werden die Reaktionen von Scham und Furcht, vor allem aber die aggressiven Impulse vergessen.
Und so wird auch im Erwachsenenalter weiter geschluckt … nach altem Muster, und die Aggression wird vermieden.
Selbst, wenn man sich im Einklang mit der Welt wähnt, zahlt man noch immer den Preis: den, der eigenen Lebendigkeit. Die geht dabei nämlich verloren, weil der Mensch ständig darauf bedacht ist, in Sicherheit zu leben und alles möglichst unter Kontrolle und für sich identifizierbar zu haben.
Das Neue, Unerwartete löst Angst aus, weil das Individuum in der Regel nicht gelernt hat, sich spielerisch, kreativ anzunähern – denn Mama und Papa hatten ja immer gewarnt und genau vorgegeben, wie die Welt funktioniert.

Bella hatte lange Zeit Schwierigkeiten, zu fühlen, worum es eigentlich ging in ihrer Depression.
Ich habe das schon beschrieben. Die Sprache war nicht wirklich ein Mittel des Ausdrucks – dafür kamen aber Bilder … und Erinnerungen.

An einem Tag setzte sich Bella hin und malte ihren inneren Schweinehund. Den, der von morgens bis abends all diese stereotypen, alten Überzeugungen von sich gibt. Der ihr all das ins Ohr plärrt, was sie alles nicht kann, wie faul sie ist, wie unfähig … etc.
Es gibt nicht viel zu sagen: das Bild spricht für sich.

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Ganz deutlich ist auch der Kummer und die Einsamkeit erkennbar. Die Isolation, in der das kleine Kind sich befindet, weil es dem Schweinehund noch immer glaubt.

Was also ist die Lösung?
Im Prinzip ist es ganz einfach.

Die Lösung heißt: Kontakt.
Kontakt zur Umwelt.
Und Kontakt zu sich selbst.
Kontakt ist die kreative gegenseitige Anpassung von Organismus und Umwelt.
Besonders wichtig ist hierbei die Erfahrung von Selbst und Nicht-Selbst.
Im Erleben gilt es also herauszufinden, ob da immer noch Altes mitschwingt, was das eigene ist, oder fremdes.
Also möglichst durchkauen, damit es sich assimilieren kann – oder ausspucken.
Wenn aber nun nicht gelernt wurde, dass das Individuum eine eigene Wahl hat zur Assimilation oder zum sich zur Wehr zu setzen? Wenn es nur noch um Selbsterhaltung ging?
Dann braucht es Mut, aus der erlernten Vermeidungstechnik auszusteigen.

Es ist auch ungeheuer wichtig, zu wissen, wie man tickt.
Zu merken, was man da gerade tut – wie man reagiert … und sich zu fragen: Sind das wirklich meine eigenen Überzeugungen?

Bellas Lösung besteht darin, dem Schweinehund zuzuhören, ihren inneren Saboteur einzukreisen und somit zu skizzieren, was er wirklich glaubt … und … das ist wohl das Wesentlichste: auch seine eigene Qual zu verstehen … er ist ja nur ein Sprachrohr … er hat eine Riesenangst vor Veränderung.
Es nützt ja nichts, immer weiter dem Perfektionismus nachzujagen, sich einen Plan zu erstellen mit wie viel Fitnesstraining, Schwimmen, Fleiß dem Schweinehund beizukommen ist, sondern wirklich zu verstehen, woher diese Überzeugungen stammen.
Und ihn dann mal in den Arm nehmen … sich bedanken, dass er da ist … jahrelang auf einen aufgepasst hat, es jetzt aber an der Zeit ist, dass man das gut selbst kann. Er darf also seine Wachsamkeit etwas ablegen … 
Und dann merken … er wird wird kleiner und wirkt schon gar nicht mehr bedrohlich, eher zufrieden und verspielt.

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Und wie ungeheuer entlastend, dass er nun mal dem Erwachsenen die Verantwortung überlassen kann … er hat verstanden: er wird nicht weggeschickt. Er darf weiterhin dableiben. Und sich auch mal ausruhen – so wie der Mensch auch.

Und die tiefe Einsicht, die der Mensch gewinnt ist die, dass das Ego sich verzweifelt an eine Struktur klammert, die es gar nicht gibt.