Die Flaschenpost

Bella geht eine Geschichte im Kopf herum, die sie vor kurzem hörte.

Und da ja morgen Valentinstag ist, passt sie ganz gut.

Der Graubezopfte hat einen Freund, der die letzten Jahre in Berlin lebte.
Einfach so vor sich hin lebte … mit Job und Verpflichtungen und Kurzreisen zu seiner Mutter, die woanders wohnt, und Besuche vom Kind und zum Kind hin, das auch woanders seinen Lebensmittelpunkt hat.

So hätte es weitergehen können … alles war einigermaßen eingetaktet.
Bis dem Freund eine Frau über den Weg lief und er sich verliebte.
Da sie nun auch woanders lebte – in Hamburg, um genau zu sein – und er ja die Fahrerei zu Mutter und Kind gewohnt war, pendelte er nun auch in den Norden des Landes, wenn nicht sie zu ihm kam.
So ging das eine Weile hin und her, bis er schließlich letztes Jahr seine Berliner Wohnung untervermietete und ganz zu ihr nach Hamburg zog.

Monate zuvor hatte er sich Gedanken über den Geburtstag seiner Freundin gemacht und kam auf eine höchst ausgefallene Idee.
Er schrieb ihr einen Brief, versah diesen mit ihrem Geburtstag und ihrer Telefonnummer und steckte diesen in eine leere Flasche, die er sodann in ein Berliner Gewässer schmiss.
Ich bin mir unsicher, ob es nun die Spree oder die Havel war, möglicherweise tat er es auch bei einem Hamburg-Besuch, wo die Flasche in der Alster landete …
Er bat den Finder der Flaschenpost, genau am Geburtstag der Freundin diese anzurufen und ihr den Brief vorzulesen.

Tatsächlich wurde die Flasche gefunden.
Monate nach dem Einwurf rief tatsächlich am Geburtstag ein Fremder an und las der Freundin den Brief vor.

Magisch irgendwie …

Bella und der Graubezopfte trafen das Paar kurz nach Weihnachten, als dieses die Geschichte erzählte.

Beide strahlten.
Natürlich.

So kann man auch eine Liebeserklärung machen.

 

Der Berg

Der Berg (geschrieben am 04.02.16)

Wie überaus passend, dass das Thema für den neuen txt-Beitrag von Dominik Leitner gerade dieser ist.

Während die Bella dies schreibt, fällt vor dem Fenster der Schnee ohne Unterlass.
Auf der Terrasse hat sich eine dicke Decke abgelegt, die Hecke ummantelt und das Dahinter in weißes Nichts verschwinden lassen.
Gerade noch erkennt man zur Linken das kleine Häuschen und ein paar Tannen, das Danach verborgen – verschluckt …

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Und kaum eine Stunde später tauchen Einzelheiten langsam wieder auf.

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Wir sind seit ein paar Tagen im Zillertal, haben ein Appartement auf 800 Meter Höhe und schauen täglich in das vor uns liegende Tal, in dem sich Zell am Ziller eingebettet zwischen den umgrenzenden Bergen erstreckt.
Im Hintergrund ein schönes Massiv, immer noch schneebedeckt, auch an jenen Tagen, in denen hier komplett die weiße Pracht weggetaut war und die Wiesen hervortraten.
Es ist nicht ganz klar, wie dieser Berg genau heisst, nur dass es dort zur Märzenschlucht geht.

Es ist auch egal.
Dieses Naturschauspiel jedenfalls ist faszinierend.
Der Berg und das Tal verändern minütlich ihr Erscheinungsbild.
Heute märchenhaft verschwommen im weißen Dunst …
Gestern im Nebel eingehüllt, von Wolken umspielt, die kurz einen Blick frei ließen, um sich dann wieder zu verdichten.
Es gab auch absolut klare Tage mit Schäfchenwolken oder jene mit blauem Postkartenhimmel.
Auch geregnet hatte es zwischendurch. Es wird also viel geboten, und das schon allein nur durch die Sicht aus dem Fenster.
Und natürlich sind wir viel draußen, stürzen uns hinein in diese wilde Romantik des Hochgebirges, vorbei an stillen Almwiesen, plätschernden Bächen, tosenden Wasserfällen oder schroffen Bergmassiven.

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Und dann abends in dieses gemütliche Appartement zurück kommen, das uns gerade Zuhause ist und den Berg ansehen, der noch leuchtet vor dunklem Himmel, während die Ortschaft an seinem Fuße funkelt.

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Eine Woche Österreich at it´s best.

Der goldene Raum

Ich denke vor mich hin.
Ich schreibe.
Ich fotografiere.
Ich schaue
und sammle Eindrücke …
derer es viele sind momentan.
Wie das Eichhörnchen
trage ich sie zu einem sicheren Ort.
In jenen gold durchfluteten Raum
in mir,
den ich ganz alleine bewohne.
Der Raum ist ganz leer …
es ist viel Platz.
Und süße Stille.
Nur manchmal ein leiser, tiefer Gongschlag
der Vibrationen durch meine Adern schickt
und das Herz erreicht.
Ich sitze da
und betrachte meine gesammelten Tagesschätze.
Wie sie glänzen
und leuchten,
mich erinnern
und gemahnen,
mich lächeln lassen
oder weinen
vor lauter Ehrfurcht
vor diesem Schönen,
das immer da ist,
wenn ich mich nur bücke
und es aufhebe.

Muscheln im Alltag

Natürlich ist der Mensch mehr als die Summe seiner Teile.
Mehr als seine Gefühle und Emotionen … mehr, als seine Erinnerungen und Wünsche. Mehr als seine Depression.

Wenn es gut ist, dann lebt der Mensch im JETZT.

Im tatsächlich gegenwärtigen Moment.

Und wenn er in Gewahrsamkeit die Schönheit des Augenblicks erhaschen kann, dann sind das heilsame Muscheln im Alltag.

Vor allem, wenn getan wird, was ansteht – und dies etwas ist, das Freude macht, kreatives Potential hat und die eigene Schöpferkraft entfacht.
So geschieht es beim Musizieren, beim Malen, Schreiben oder Fotografieren. Auch können solche kleinen Glücksempfindungen aufsteigen, wenn man einen guten Kuchen gebacken hat oder ein leckeres Essen gezaubert hat.

Alles, was von Innen nach Außen drängt, hat die Chance wahrgenommen und ins Leben gebracht zu werden.
Da sind nicht ausschließlich graue Wolken am Himmel … da ist auch das Bunte zu sehen, das Kleine, das vermeintlich Unbedeutende.

Und deshalb auch noch diese Kategorie.

Denn es ist ja immer beides vorhanden: Licht und Schatten.

Vögel und Wölfe

(Geschrieben am 18.10.2015)

Wir sind im Bayerischen Wald.
Der Graubezopfte wollte da unbedingt hin, ein paar Tage Urlaub machen, und hat der Bella vorgeschwärmt, wie toll es sei.
Und das ist es wirklich.
Wir sind jeden Tag stundenlang im Wald.
Ich bin ständig dabei. Wie immer geschützt im grünen Beutel in Bellas Rucksack.
Ganz und gar wundersam, wie sich der Wald erholt, wenn der Mensch nicht eingreift.
Im Nationalpark dürfen die alten Bäume umfallen und werden auch liegen gelassen, um Nahrung für alle anderen Pflanzen und Lebewesen zu sein. Der Kreislauf der Natur kommt ins Gleichgewicht, die Vegetation verändert sich. Und seltene Tierarten siedeln sich wieder an.

Die Bella ist verzaubert von diesem bunten Herbstlaub, von den wilden Farnen und den samtig bemoosten Baumstämmen oder Felsbrocken, die hier herumliegen.
Sie hat die Kamera dabei und knipst, was ihr vor die Linse kommt.
Ein Tierfreigehege gibt es, und so viel zu sehen.
Adler, Milane, Uhus und verschiedene Käuze, Auerhühner, eine lustige Otterfamilie, Luchse, die erst abends in der Dämmerung auftauchen, und einen großen Braunbär, der sich genau vor uns platziert und beeindruckend in seiner Größe ist.
Von den Wölfen sehen wir die ersten zwei Tage keine.
Erst am Freitag zur Fütterung tauchen sie aus dem Nebel auf.
Beeindruckend schöne Tiere.
Bella kann sich nicht satt sehen, ist sehr berührt von diesen scheuen Tieren, die ihren Ruf als gefährliches Tier und Bösewicht der Sagen- und Märchenwelt zu verdanken haben.
Die Frage ist wohl – wer gefährdet hier wen?
Der Mensch hat den Wolf fast ausgerottet. In Deutschland galt er Anfang des 20. Jahrhunderts als ausgestorben.
Wir stehen lange vor dem großen Gehege, und ich kann Bellas Freude gut wahrnehmen.
Wie überhaupt hier im Nationalpark.
Die Gedanken sind wieder zur Ruhe gekommen.
Bella ist beschäftigt mit eindrücklichen Sinnesempfindungen, hat einen anstrengenden Aufstieg auf einen Berg hinter sich gebracht. Auch da war Konzentration auf den Weg nötig. Und Stehenbleiben immer wieder, und Wahrnehmen, wie sich bei jedem Schritt die Temperatur veränderte und mit jedem Höhenmeter mehr gefrorene Äste, Eiskristalle und Schneeverwehungen ins Blickfeld schoben. Verzauberung auch dort oben.

Wir sehen auch am Nachmittag noch einmal Wölfe, als wir zu einer anderen Stelle des Nationalparks fahren.
Auch hier gibt es ein großes Tierfreigehege. Und die Wölfe, die dort leben, sind jünger. Teenager sozusagen.
Wir sehen eine trächtige Wölfin, die schwer zu tragen hat an ihrem Bauch, und sechs übermütige verspielte Jungwölfe, die sich die ganze Zeit balgen und miteinander schmusen.
Wunderbare Momente sind das.
Selten, dass die Bella so im Augenblick verweilen kann. Ganz im Hier und Jetzt sozusagen.

Am letzten Tag im Nationalpark machen wir uns auf den Weg auf den Baumwipfelpfad, und die Bella fotografiert den Wald noch mal von oben.
Auch mich, was nicht so einfach ist, denn den Baumturm hinauf bis ganz nach oben auf die Aussichtsplattform, schaffen wir zwar mühelos, nur hat die Bella Angst, mich ungesichert auf die Brüstung zu stellen.thumb_PA179163_1024
Ein Windzug – und das wär´s gewesen. Wenn ich hier hinunterfalle, verschwinde ich im dichten Dickicht des Waldes, und die Bella ist in Sorge, mich zu verlieren.
Also hält sich mich beim Fotografieren mit einer Hand am Drahtbein fest – und so wird es eben ein Fastganzkörperbild.

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Am nächsten Tag fahren wir zufällig an einem Plakat vorbei, auf dem eine Vogelschau angekündigt wird.
Die Bella will da hin, und so besuchen wir diese.
Sofort in der Halle hört man ein Durcheinander von Geschilpe, Gepiepe und Vogelgesängen.
Beim Näherkommen ist es fast nicht zum Aushalten, weil viele der kleinen Vögel in kleinen Käfigen stecken und aufgeregt hin-und-herflattern.
Gimpel, Zeisige, Kanarienvögel, Wellensittiche, kleine Minipapageien, Sittiche, Zebrafinken, Rußköpfchen, aber auch größere Papageienarten sind dort zu sehen.
Bella und auch der Graubezopfte sind ziemlich erschüttert.
Ein Vogel im Käfig ist fast das Schlimmste, was es gibt.
Bella möchte am liebsten die Käfige öffnen und alle Vögel freilassen.
Wir schauen in jeden Käfig, bestaunen die bunten, teilweise prämierten gefiederten Geschöpfe und müssen danach schnell raus an die frische Luft.
Traurig, dieses Eingesperrtsein.
Und Bella flüstert mir zu. „So wie ich … in mir selbst“.
Ich verstehe sofort, was sie meint.
Bella ist mit Vögeln aufgewachsen. Immer waren es Wellensittiche, die die Familie hatte. Und alle waren sie extrem zahm, lustig und konnten teilweise sprechen.
Und sie durften immer in der Wohnung herumflattern. Einer ist zweimal aus dem Fenster geflogen, und die Bella hat ihn draußen auf der Straße gefunden und ihn mit Hilfe seines kleinen Lieblingsspiegels wieder einfangen können.
Die Liebe zu diesen Tieren begleitet sie schon ihr ganzes Leben. Deswegen macht es ihr so viel Freude, sie zu beobachten, sie zu filmen, sie zu malen.
Sie solle doch nicht ständig den Vögeln zusehen, sagte neulich mal jemand zu ihr. Sie solle endlich selbst fliegen.
Da war die Bella empört. Warum wohl?
Wahrheit tut manchmal weh.

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