Besuch

Ich habe die Tür offengelassen,
und prompt stellt sich Besuch ein.
Noch bevor ich ihn höre,
wird es ganz kalt,
und das Herz flattert in der Brust
wie ein aufgeregter Vogel im Käfig.
Die alten Stiegen knarren,
während er hochkommt
zu mir
in dieses Zimmer,
das er komplett ausfüllt.
Er muss sich nicht vorstellen –
ich kenne ihn gut,
und er muss auch gar nichts sagen,
denn ich weiß bereits …
Alles, was gewesen ist
und alles, was sein wird.
Er war schon lange nicht mehr hier,
kein Wunder,
dass er mal schauen will,
was es mit der Leichtigkeit so auf sich hat,
die sich natürlich sofort verkrümelt hat
und alles Weite, Lichte mit sich genommen hat.
So sitzen wir einander im Dunkeln gegenüber,
der Schmerz und ich.
Und als es Tag wird,
geht er langsam wie ein alter Mann die Stufen hinunter
und ich höre das leise Klicken der Tür.

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So beginnt 2017

Hallo, ihr Lieben.

Erst einmal Frohes Neues Jahr.
Ich hoffe, ihr seid alle gut reingekommen.

Ich versuche euch mal chronologisch zu schildern, was so alles los war in den letzten Tagen.

Ich bin nach meiner OP erst am 1. Weihnachtsfeiertag entlassen worden.
Die ersten Tage hatte ich Schmerzen ohne Ende. Das war ganz fürchterlich.
Ich versuchte mit der Situation klarzukommen, noch immer fast ständig Schmerzen auszuhalten, nur einen Arm zur Verfügung zu haben, denn 6 Wochen lang muss der Arm in dem Schlingenverband dicht am Körper fixiert bleiben und darf nicht belastet werden.
Der Arm hängt ansonsten so rum und darf nicht mit eigener Muskelkraft bewegt werden.

Also wartete ich auf diesen Stuhl, mit dem ich die Arm-Übungen machen muss. Der Arm wird vom Körper weg angehoben, und man muss täglich den Winkel vergrößern.
So versuchte ich mich zu schonen, überließ den Haushalt den anderen und lag viel rum.

Nach dem Krankenhaus war mir oft schlecht, ich kriegte dreimal Migräne und spürte förmlich, wie mein Körper zu tun hatte, das ganze Gift aus dem Körper zu bekommen.
Die ersten Tage ereilten mich diese Heulflashs … plötzlich … wie aus dem Nichts … und ich war nur noch reiner Kummer.

Alles wurde hochgespült, alles kam und kommt ans Licht … nichts bleibt verborgen … Ich habe keine Filter mehr …

Da war anfangs so eine blanke Verzweiflung, was denn nun aus meinem Leben wird, wenn ich nicht zurück in meine Kreativität komme … Das erste, was die Ärzte testeten nach der OP war, ob noch alle Nerven funktionieren, ob ich Gefühl im Arm habe und alle Finger bewegen kann … Klar … auch in diese Richtung können OPs verlaufen.
 Doch Gott sei Dank funktioniert alles … in 10 bis 12 Monaten wird dann die Titanplatte entfernt – ein erneuter Eingriff, und wieder wird alles heilen müssen.

Ich habe mich für drei Kunstmärkte in 2017 angemeldet, wollte dort ausstellen … und sehe das nun bedroht. 
Ich wollte meine Schneckengeschichte zu Ende bringen und mir einen Verlag suchen …
Diese aufkeimende Hoffnung, endlich das zu tun, was mich mit so viel Freude erfüllt, wurde mächtig erschüttert.
 Ich hatte schon angefangen, Nellie mit links zu zeichnen, doch da ist ein ziemlich krakeliges Würmchen bei herausgekommen …
Vielleicht ist dies genau das Geschenk dieses so heftigen Unfalls: so ABSOLUT zu spüren, was ich unbedingt tun will und den Schmerz zu fühlen, dies gerade und in absehbarer Zeit nicht zu können.
 So ging ich also in meiner Höhle auf Schatzsuche, was sich da so an Gefühlen noch auftat … und werde mich noch mehr abgeben müssen … an die Zeit, um Geduld zu haben, an meine Lieben, um mir wirklich helfen zu lassen (keine leichte Übung für mich ).
Vertrauen darauf, dass alles gut wird …

Mittlerweile bin ich in München und es geht mir besser.
Ich mache meine Übungen, ich war an der frischen Luft – täglich im Park, und einen schönen Neujahrsausflug haben wir gemacht, mein Mann und ich.
An den Isarauen und am Starnberger See war es zauberhaft.
Ein fulminanter Auftakt zu 2017.

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Und heute habe ich das erste Mal wieder etwas gemalt.
Ein bisschen kompliziert, weil ich den Arm nicht belasten darf, ihn auch nicht auf der Tischplatte ablegen kann … doch mein Mann holte mir einen Notenständer … und damit ging es.

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Prima. Mit rechts gezeichnet, mit links ausgemalt.
Alles dauert doppelt so lang wie sonst – doch es handelt sich ja schließlich um eine Schneckengeschichte. 😁
Ich passe also mein Tempo Nellies an.

Und ich bin zuversichtlich.
Alles wird heilen.
Es dauert vielleicht etwas … doch wie meinte mein Freundin H. so treffend:
„Hoffentlich kannst du trotz des Schocks und der Schmerzen daran glauben, dass alles zu deinem Besten geschieht.“
Das tue ich.

Ich habe erst mal kein Bild für euch.

Ihr Lieben, ich bin gerade total geplättet, wie viel Resonanz ich hier kriege für Nellie und ihr Geschichte.

danke euch von herzen.

Jetzt was Ernstes.
noch schlimmer kann´s nicht kommen?
2016 war schon genug?
doch.
doch.
gestern bin ich in meiner wohnung gestürzt. über eine schwelle, die ich schon tausend male überschritten habe.
bin mit dem fuß hängengeblieben und in den flur geflogen. mit dem kopf an die wand geknallt und mit der schulter gegen den türrahmen. und ich wusste sofort -jetzt ist was kaputt. (es ist auch noch der recht arm.)
lalülala … mit feuerwehr ins krankenhaus. geröntgt, ct, splitterbruch am oberarmkopf. mittwoch wird operiert.
halleluja weihnachten … das hatte ich mir anders vorgestellt.
ich bin untröstlich, denn meine schneckengeschichte
kriege ich so nicht fertig.
ein paar tage habe ich vorgemalt … na schaun wir mal.
der taxifahrer, der mich heimbrachte meinte: „na, dann lassen Sie sich mal richtig verwöhnen. sollen doch die anderen mal einkaufen, putzen, kochen, die weihnachtsgans zubereiten. und Sie ruhen sich schön aus.
mir bleibt nichts anderes übrig. 😦

mittlerweile war ich bei der orthopädin, habe die krankenhauseinweisung, die kostenübernahme der Krankenkasse, und habe heute 4 stunden im krankenhaus zugebracht mit aufnahmegsprächen.

der rechte oberarmkopf ist ziemlich gestaucht, gesplittert, ein stück knochen ist ganz abgebrochen, und die kugel sitzt nicht mehr in der gelenkpfanne.

ich tippe dies mit dem Zeigefinger der linken hand.
entschuldigt bitte etwaige fehler.

morgen früh um 8.00 werde ich operiert, kriege eine titan-platte in den arm, und muss dann erst mal alles schonen.

denkt bitte an mich und drückt mir die daumen.

ich poste mein nellie-bild für morgen daher gleich im Anschluss.
zwei weitere sind schon fertig. die zeige ich euch, wenn ich entlassen bin – hoffentlich vor weihnachten.

dann muss ich erst mal abwarten.
ich bin untröstlich, dass ich meine geschichte also wohl nicht mehr im Dezember abschließen kann.
doch sie wird fertig.
nur eben später.
verspochen.

was für zeiten.
in meinen eigenen schmerz mischt sich der Kummer und das entsetzen über die toten und verletzten auf dem Berliner Weihnachtsmarkt.
wie grauenvoll.
ich musste so weinen, als ich heute morgen davon erfuhr.

bleibt gesung.
mögen wir beschützt sein.

auf bald.

eure muschelfinderin

Parallelwelt

Mein Leben spielt sich im Krankenhaus ab.
Gerade.
Ein geliebter Mensch meiner Familie, von dem ich irgendwie glaubte, nichts könne ihn je umwerfen, ist plötzlich krank.
So aus heiterem Himmel …
Wo er doch vorher nie krank war …
Einmal in 55 Jahren eine heftige Grippe mit Halluzinationen … ansonsten erinnere ich nichts …
Nichts …
Und damit rückt auf einmal das Thema von Stephan, der mich mit einem „Liebsten Award“ nominiert hat (vielen herzlichen Dank dafür), ganz nah an mich heran …

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„Stell dir vor, du wüsstest, dass du im nächsten Moment sterben wirst. Was wären deine letzten Worte an die Welt, was wäre deine Botschaft für die Menschen?“

Die Endlichkeit des Lebens ist uns wohl allen bewusst …
Wir wissen das …Irgendwann werden wir gehen müssen.
Doch ist uns wirklich bewusst, was das für eine Gnade ist, dass wir wirklich hier sein dürfen?

Jetzt, wo mein Vater im Krankenhaus liegt und der Krebs sich in unserer Familie eingenistet hat, registriere ich, wie viel Gnade ich bereits erfahren durfte.
Bislang war er immer da … Meine ganze Kindheit hindurch hat er mich begleitet – und weiter durch die Pubertät bis hinein in mein fortgeschrittenes Erwachsenenalter.
Meine Eltern sind nächstes Jahr 60 Jahre miteinander verheiratet.
Werden sie das noch erleben können? Gemeinsam?
Es ist ein schwieriges Jahr – dieses 2016.
So Viele mussten gehen …
JedeR, die/der jemanden verloren hat, wird wissen, wie schmerzlich das ist.
Ich und meine Familie … wir befinden uns noch im Stadion von Zittern, Bangen und Hoffen …
von Nicht-Wahrhaben-Wollen, Verleugnung, Optimismus und Festhalten … Beten und Glauben.
Alles, was vorher schwierig war, ist auf einmal unwichtig.
Problematisches erscheint vergessen und vergeben …
Die Liebe hat auf einmal alle Kanten ausradiert und milder schraffiert…
Da sind nur die Herzen, die klopfen …
Die Augen, die sich betrachten, Hände, die einander berühren …
Und Gedanken, die man fast spüren kann.
Ich sehe meinen Vater an, und weiß, dass er sich mehr um meine Mutter sorgt, als um sich selbst.
Und ich sehe meine Mutter an, und weiß, dass sie vor Kummer keine Nacht schläft.
Bemerke, wie sie immer schmaler wird, und die Müdigkeit ihr Gesicht zeichnet …

Ich schrieb diese ersten Absätze vor fast zwei Wochen, und daran anschließend kamen dann weitere Belastungen dazu.
Meine Mutter brach zusammen und kam ebenfalls ins Krankenhaus, und ich wanderte eine Woche lang zwischen den Stationen hin und her.
Jetzt ist sie wieder zu Hause, fragil, kaum fähig, sich um sich selbst zu kümmern.
Ich bin in Sorge …
In mir ist eine Ohnmacht, dass diese Situation nicht kontrollierbar ist … wir sie alle nur irgendwie hinnehmen müssen und hoffentlich einigermaßen da durch kommen.

Ich reagiere stark. Auch körperlich … mit Symptomen.
Versuche, Ruhe in die Situation zu bringen, doch erinnere so vieler Dinge aus meiner Kindheit, die plötzlich in einem Maße angetriggert werden, die meinem erwachsenen Handeln nicht zuträglich sind.
Daneben setze ich mich hin und versuche, wann immer es geht, ein kleines Bildchen zu malen.
Schlüpfe in eine Parallelwelt – ähnlich, wie ich das als Kind getan habe.
Doch ich merke, wie ich dort zur Ruhe komme, der Spannungsbogen nachlässt und ich das Malen fast wie eine Meditation empfinde.

Ich verlasse jetzt diesen Schauplatz
und komme zur eigentlichen Frage zurück:
Wie würde es mir selbst gehen, wenn ich gehen müsste? Jetzt …
Mein eingestelltes Bild trifft es wohl ganz gut.
Ich habe noch Träume.
Visionen.
Mein Pa möchte noch eine Reise machen …
Ich auch …
Ich möchte noch viele Reisen machen.
Ich habe den Eindruck, noch nicht genug von der Welt gesehen zu haben.
Ich kann nicht sagen, dass das nun ein erfülltes Leben gewesen wäre.
… Also so in Gänze. Dass es wirklich abgeschlossen wäre. Und ich vollständig in mir ruhend und zufrieden …Da ist noch etwas, immer wieder, was ich wissen will, wo ich weiter möchte.
Was ich lernen mag.
Erkunden, entdecken, neu erfahren, den Blickwinkel weiten.

Mein letzter Satz wäre wohl:
„Ach … schade … Jetzt schon?“

(Ich lese gerade aus Gründen recht wenig in anderen Blogs. Verbringe einen Großteil meiner Zeit mit meiner Familie. Daher werde ich keine 10 weiteren Blogger vorschlagen – wie die Spielregeln es  vorsehen – und bitte um euer Verständnis.)

Schwarz – Weiss

Natürlich gibt es auch Fotos von mir.

Ich war ja mit dabei … auf dieser Reise in die Berge.
Die Schwierigkeit, mich fotografisch abzubilden, war in dieser Schneelandschaft noch einmal mehr gegeben.
Oft ist es diffizil, mich vernünftig darzustellen.
Durch meinen schwarzen Pelz bin ich im Gegenlicht sehr schwer zu erkennen. Wenn die Bella mich dann noch vor einem hellen Hintergrund platziert, wird es prekär.
Entweder ich bin scharf und gut zu sehen, oder das Dahinter.
Da ich das Licht schlucke und nicht reflektiere, ist es quasi um so schwieriger, meine Struktur und meinen Ausdruck auszumachen.

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Meist entscheidet sich die Bella für mich, so dass die Kulisse extrem überbelichtet wirkt.
Der Gegensatz von Schwarz zu Weiss erfordert einiges Gefummel und späteres Tüfteln mit dem Fotoprogramm.

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Die Divergenz beider Farben, ihr Ausdruck von Hell und Dunkel ist vergleichbar mit Innen und Außen.

Und so ist auch diese Reise begleitet worden von beiden Aspekten (und allem dazwischen.
denn Weiß ist die Farbe, die alle anderen Farben in sich birgt).

Während sich mit den Freunden ein geselliges Beisammensein im täglichen Urlaubsgeschehen kreierte, zog sich Bella manchmal innerlich zurück. Ein minutenschneller, oftmals nur Sekunden dauernder Abgleich der Überprüfung der inneren Lebendigkeit. Schmerzlich dann, wenn sie feststellte, dass das Gefühl der Leere plötzlich auftauchte, das Gefühl des Alleinseins, des Getrenntseins inmitten des Trubels.
Doch zugleich damit verbunden war auch die Gewissheit, dass es vorbei gehen werde. Geduldig mit sich selbst sein … sich in die Leere sinken lassen … umhüllt vom Kokon, der Schutz bietet.
Während es also „Draußen“ „lärmt“, der eigenen Empfindung Raum geben, so dass die Ungereimtheiten und Missempfindungen im inneren Herdfeuer verbrennen können und sich kreativ in eine Reifung umwandeln können.
Es dauert noch.
Bella spürt, dass der Prozess noch immer wirkt …
Und dass es manchmal mehr, manchmal weniger gut gelingt, damit zu sein – zu zaudern, zu trauern, zu weinen … um Vergangenes … wegen Verletzungen, die stattgefunden haben … und diese anzuerkennen und den Schmerz nicht länger zu verleugnen. Geduld haben … den Selbstheilungskräften vertrauen, auch Kontrollverlust und Verzweiflung in Kauf nehmen … ohne das Wissen, dass am Ende alles gut sein wird.
Genau das ist der Punkt: den Scherbenhaufen sehen und sich ergeben.
Sich dem Schmerz ergeben.
Die Lösung ist wohl, den Kampf aufzugeben.
Die Höhere Weisheit … das göttliche Selbst … die innere Führung … führen in den ungestalteten Raum, in dem alles möglich ist. In dem es Helles und Dunkles gibt … und es keinen Unterschied macht. Alle Schatten sind da … und alles Licht.
Schwarz und Weiss … und alles dazwischen.

Neben diesen Gedanken und Empfindungen hatten wir auch jede Menge Spaß …
Es liegt ja alles so dicht beieinander …

(Mehr Fotos von mir findet ihr in der Spielecke.)

Helle Tage?

(Geschrieben am 17.09.2015)

Diese hellen Tage jetzt im September.
Scheinbar geht dieser Sommer nicht zu Ende.
Immer noch … oder schon wieder (okay – ein paar kurze Regenabschnitte gab es) scheint täglich die Sonne, färbt sich der Himmel in spektakulärem Pastell.
Nur der Wind und die frischere Luft lassen ahnen, dass der Herbst fast schon da ist.
Vereinzelt fallen die Blätter zu Boden, doch im Ganzen ist es noch Grün.

Bella sieht das alles.
Nimmt es auf.
Tankt die Sonne mit der Haut
und fühlt dennoch schwarz.
So ganz innen.
In sich.
Da kommt die Sonne nicht hin.
Die Verbindung zu mir ist fast abgebrochen …
Sie denkt an mich … klar …
Doch sie glaubt mir gerade nicht …
Ich stecke wieder in dem grünen Beutel und bin seit 2 Wochen nicht hervor geholt worden.

Wie ein schwarzer Tintenfleck, der sich auf schneeweißes Papier ergießt, breitet sich das Geflecht der Angst aus und bedeckt die gesamte Fläche. Bis alles schwarz ist.
Komplett.
Erst jetzt sickert die Leere so ganz und gar und so völlig dumpf in jede Pore.
Und die Bella hält still.
Dagegen anschreien, hilft nicht.

Dies ist der Moment, in dem wieder Verbindung geschieht.

„Keki?“
„Ja, Bella?“
„Ich bin so am Zweifeln … Ich misstraue so sehr meinen Wünschen … oder sagen wir mal so – ich traue mich gar nicht zu wünschen … Ich habe das Gefühl, das wird ja doch alles nichts … egal, wie ich es anpacke … keine Idee, was überhaupt … und wie überhaupt … und ich bin schon wieder so im Rückzug. Fühllos. Sprachlos.“

Ich warte.

„Diese Sprachlosigkeit ist das Schlimmste – oder nein, nicht ganz, am Schlimmsten ist die Fühllosigkeit. Was ich überhaupt fühle … das weiß ich nicht. Ich empfinde nichts …
Und auf die Frage >Wie geht es dir?< kann ich nichts antworten.
Ich weiß nicht, wie es mir geht.
Keine Ahnung.
… Neulich bei dieser Ärztin … das war ja nur die Vertretung für meine Psychiaterin, die an diesem Tag nicht in der Praxis war … also da fragt diese Ärztin mich doch glatt am Tresen vor allen Leuten – drei Sprechstundenhilfen, zwei Patienten und die Tür zum Sprechzimmer sperrangelweit auf – >Wie geht es Ihnen?“<
Halloooooo?
Die Frau hat mich noch nie vorher gesehen.
Erwartet die, das ich ihr mal eben so mein Herz ausschütte da am Tresen? Vor Allen?
Also meinte ich rotzig. >Weiß ich nicht, kann ich nicht sagen.<
>Das wissen Sie nicht?<
>Nein. Deswegen bin ich ja in Behandlung.<
Da war sie dann still. Guckte nur.
Na ja … wenigstens kam da mal ein Gefühl. Ich war wütend. Wie kann die mich so was Doofes fragen?

Ach … keine Ahnung … ich weiß nicht, was grad ist.“

Und damit schiebt mich Bella zurück in den grünen Beutel.

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Wasser ist Leben

(Geschrieben am 02.08.2015)                                                                                                        Heute ist ein guter Tag.

Ich merkte es gleich.
Schon als die Bella aufstand.
Noch im Nachthemd griff sie nach ihren Stiften und fing an zu zeichnen. Mich.
Ich bin ihr gut gelungen, finde ich.
Der Tag ging dann angenehm weiter.
Die Bella zog ihre Shorts an – tatsächlich ist es sehr warm heute – packte ihren Rucksack
und stopfte auch mich mit hinein.
Ich freute mich: ein Ausflug.
Tatsächlich durfte ich dann recht schnell raus aus dem Rucksack und auf der Lenkerstange des Fahrrades sitzen.

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Nun sitzen wir im Park.
Der blaue Himmel spannt sich über dem üppigen Grün.
Es ist sehr still und ziemlich leer hier.

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Gedämpft hören wir das Rauschen entfernt vorbeifahrender Autos.

„Keki?“

„Ja, Bella?“

„Glaubst du an Vorsehung?“

„Glauben?
Ich weiß, dass die Dinge sich ab einem bestimmten Punkt auf ihre Erfüllung hin bewegen.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe es oft genug mit erleben  können.“

„Hm“, Bella verzieht nachdenklich das Gesicht. „ … Das ist aber nicht die Vorsehung, die ich meine …“

„Nun ja, was ist denn Vor-Sehung anderes, als all das, was du tief im Inneren fühlst? Dieses, von dem du weißt, dass es dich erfüllt und glücklich macht. Deine Seele weiß das immer. Nur neigt ihr Menschen dazu, so um eure Vorstellungen und Verpflichtungen zu kreisen, dass ihr den Ruf nicht wahrnehmen könnt.
Ihr seid so in Eile, dass ihr an der Vorsehung sozusagen vorbei lauft.
Doch das Leben sorgt immer für euch!“

Bella runzelt schon wieder die Stirn. „Na toll. Wie pathetisch. Das ist ja nun bei mir grad wirklich nicht so.
Alles ist zusammengebrochen. Im Augenblick geht ja fast nix mehr. Ich kann meinen Job nicht ausüben, ich bin total geschwächt und komplett orientierungslos. Ich weiß nicht, was „das Leben“ mit mir vorhat … Ob das alles war … ob da noch was kommt.“

Ich nicke. „Ja. Genau so soll es sein.
Für dich ist dies der Zeitpunkt, der dir geschenkt wird.
Jetzt erst kommst du notgedrungen zur Ruhe. Oder? Was meinst du selbst?“

Bella schaut in den Himmel und räuspert sich.
„In gewisser Weise schon. Du hast Recht.
Ich hab alles versucht zu verdrängen. Ich hab gar nicht wahrhaben wollen, wie unglücklich ich war. Weil ich eben nicht wusste, warum. Das weiß ich immer noch nicht. Ich habe alle möglichen körperliche Symptome bekommen, und als der Rheumatologe vor zwei Jahren sagte „chronic fatigue syndrome“, da hab ich irgendwie auch nicht richtig geschaltet. Na gut … ja … Chronisches Erschöpfungssyndrom … okay. Hab ich erst mal diese Tabletten genommen, weil ich ja fast nicht mehr schlief.
Aber begriffen, dass das schon ein Burnout war, hab ich es nicht. Das wird mir erst heute klar … jetzt, wo sich nun auch noch diese „schwere depressive Episode“ da drauf gesetzt hat. Wie lange dauert so was? Wann ist eine Episode beendet?“

„Du musst Geduld haben, Bella.
Es dauert so lange, wie es eben nötig ist. Du brauchst diese Zeit eben jetzt.
Hör dir einfach zu. Lerne wieder, nach innen zu hören, dir selbst zu vertrauen. Lerne dich nochmal neu kennen.“

Bella insistiert: „Ich dachte eigentlich, ich würde mich recht gut kennen.“

„Offensichtlich nicht. Meinst du nicht? Hättest du sonst nicht viel eher die Notbremse gezogen?
Alles verändert sich, jeden Augenblick. Nichts bleibt, wie es ist. Das mag abgedroschen klingen, doch es ist tatsächlich so. Auch du veränderst dich ständig.
Du wirst erkennen, was ist. Du erlebst genau das, was du erleben sollst. Es ist eben dein Tempo – deine Erfahrung.
Es gibt eben Umwege oder Abkürzungen und lange Pausen … du meisterst das Leben auf deine Art und Weise.“

„Und dazu gehören Kummer und Schmerz … diese Leere und Leid?“

„Ach komm. Das weißt du doch. Das gehört dazu. In dem Maße, in dem du es akzeptierst …  du also auch deine unangenehmen Gefühle akzeptierst, wird Veränderung stattfinden. Es ist deine Aufgabe, jetzt hinzusehen. Wenn du die Aufgabe annimmst, wirst du erleben, wie die Gefühle dich auch wieder verlassen. Die Energie, die du aufwendest, um sie zu unterdrücken,  kostet dich unendlich viel  Kraft. Du bist nicht im Fluss, sozusagen. Doch Wasser hat die Kraft, überall durchzudringen … selbst in die allerkleinsten Ritzen. So ist das auch mit deinen Gefühlen. Du kannst sie versuchen zu umgehen … doch sie arbeiten im Unterbewussten weiter …
Apropos … wollen wir da hinten mal zum Springbrunnen gehen? Ja?“

Das tun wir.
Es ist herrlich erfrischend hier.
Die Bella macht ein paar Fotos von mir und steckt mich anschließend schnell wieder in ihren Rucksack.
Das ist der Bella immer noch ein bisschen peinlich – so mit mir unterwegs. Doch ich bin zuversichtlich.
Der Anfang ist ja jetzt gemacht. Ich bin jetzt in aller Öffentlichkeit und eine Bloggerin. Yeaahhh. Na gut … noch nicht offiziell … noch eher so in Gedanken.
Die Bella braucht noch ein wenig. Die ist ja so gewissenhaft. Will alles richtig machen, hat Angst vor dem Scheitern, davor, immer noch, was Andere sagen … Wie soll sie denn von mir erzählen, ohne schief angesehen zu werden – so denkt sie.
Doch es kommt schon noch …. ich bin mir sicher.