Annehmen, was ist

(Geschrieben am 01.08.2015)
Der Mensch, bei dem ich gerade lebe (eigentlich muss es heissen: in dem ich gerade lebe), heißt Bella.
Eigentlich hat sie einen anderen Namen … und sie runzelt auch die Stirn, wenn ich ich sie weiterhin so anspreche, wie es mir beliebt. Doch irgendwann wird sie einsehen, dass ich Recht habe.

Dass die Bella ein schöner Mensch ist, hab ich von Anfang an gewusst, schließlich hab ich mir sie ja ausgesucht.
Ich war Zeuge ihrer Sorgen und Nöte, ihrer Glückseeligkeit und ihrer guten und weniger guten Tage.
Ich kann wohl mit Verlaub behaupten, dass ich die Bella recht gut kenne.
Sie hinkt da ein bisschen hinterher … und kriegt erst jetzt wirklich eine Ahnung davon, wer ich bin.
Dennoch haben wir uns nun eine Art Zwiesprache angewöhnt.

So ein Menschenleben unterscheidet sich nicht wesentlich von dem eines Tieres. Auch der Mensch ist ein Säugetier – wird geboren und stirbt irgendwann. Die Unterscheidung zwischen Tier und Mensch liegt einzig und allein auf der Bewusstseinsebene. Der Mensch hat ein Bewusstsein über seine Existenz. Er kann erforschen, warum und wie er etwas denkt, reflektieren und entsprechend handeln. Oder es lassen.
Alles, was passiert im Leben eines Menschen wird gespeichert, kommt in den Topf der Erinnerung. Alles, was nicht so wichtig war, wird aussortiert. Manches Unangenehme wird auch „vergessen“ – abgespalten, dissoziiert, so dass der Mensch sich nicht länger damit quälen muss. Das ist auch ein Unterschied zu anderen Säuretieren. Die schütteln eine Bedrohung, die sie überlebt haben, ab. Der Mensch speichert es im Unbewussten, wo es für den Verstand nicht mehr zugänglich ist. Doch der Körper vergisst nicht. Manchmal zeigt er mit einer Krankheit, dass es da noch etwas gibt, was nicht integriert wurde. Manchmal geschieht etwas im Außen, das den Menschen so sehr aufwühlt und ihn daran erinnert, dass es in seinem Inneren noch ein Thema gibt – eine unvollständige Gestalt, die noch nicht geschlossen ist.
Nun kann man sich dieser Gestalt annehmen, oder nicht.
Wenn man es nicht tut, wird sich zu einem anderen Zeitpunkt erneut die Gelegenheit dazu bieten.

Die Bella hatte einige Gelegenheiten. Und in letzter Zeit häuften sie sich.

Ich bemerkte eine große Veränderung.
Sie wurde unwirsch.
Sie regte sich über Dinge auf.
Sie stritt sich mit dem Graubezopften (das ist der Mann an ihrer Seite).
Sie hörte auf zu lachen.
Sie wälzte sich nachts im Bett, schlief schlecht und wurde immer früher wach.
Und wenn sie das Haus verließ, dann nur noch, um zu arbeiten.
Und die Arbeit machte ihr keine Freude mehr.
Sie redete sich das schön, doch die Freude war nicht spürbar.
Sie ging weniger aus.
Und häufig ging sie nicht ans Telefon, wenn es klingelte.
Und leider kamen auch immer weniger Besucher.

Kurz: sie hatte sich verändert.
Irgendwie war sie gar nicht mehr richtig da. Zwar körperlich anwesend, aber emotional völlig abwesend.
Die Zeiten, in denen sie sich „erholen“ musste, wurden immer länger und mehrten sich.
Jetzt … zur Zeit … ist sie erst mal jeden Tag zu Hause …

„Keki?
Sprichst du über mich?“

„Ja. Ich versuche zu beschreiben, wie es dir gerade geht – bzw., was ich wahrnehme. Doch wahrscheinlich sprichst du lieber selbst?“

Bella zieht die Stirn in Falten.
„Das ist schwierig.
Ich kann nicht wirklich sagen, wie es mir gerade geht. Da ist so eine Leere in mir. Und so eine Emotionslosigkeit … eine Art allumfassendes Nichtwissen. Ich versuche irgendwie meinen Tag zu strukturieren – du siehst das ja – doch es fällt mir schwer. Ich kann mich zu nichts aufraffen, fühle mich ziemlich paralysiert … selbst mich zu waschen und Einkäufe zu erledigen, fällt mir schwer.
Ich bin rausgefallen aus den Routinen, die meinem Leben normalerweise ein Gerüst geben … Okay … mein Biorhythmus ist der gleiche geblieben … ich werde nach wie vor sehr früh wach … doch es kommt ja nun nicht mehr drauf an … Der Tag liegt vor mir… und ich weiß nichts mit ihm anzufangen.
Da ist noch immer dieser Druck, dieses Gefühl, oder sagen wir mal – die innere Stimme, die mich antreibt, etwas >Sinnvolles< zu tun, doch ich kann für mich gerade nicht so recht bestimmen, was „sinnvoll“ meint.“

„Das ist völlig okay. Alles ist neu für dich. Du musst dich erst daran gewöhnen. Du weißt ja gar nicht mehr, wie sich Freiheit anfühlt.
Weißt du, was ich meine? Die Freiheit, wirklich allein entscheiden zu können, was dir gut tut, und danach handeln zu können.
Den Bedürfnissen nachzukommen, die deine Seele hat … endlich … jetzt … ihr zuzuhören. So lange hast du sie überhört.“

„Meine Seele? Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich verstehe. Ja … irgendwie schon, doch ich bin noch auf der Stufe davor … ich bin noch mit Scham und Schuld beschäftigt … höre noch immer diese Stimme, die mir zuraunt, was das eigentlich alles soll, und dass ich mich doch nicht so anstellen möge und schließlich auch nichts Besonderes sei … schließlich machen doch alle ihren Job, und warum nun ausgerechnet mir das so gehen muss, dass ich so wenig belastbar bin …“

„Bella, ich seh das so, dass jetzt eben der Zeitpunkt für dich da  ist, an dem es gilt zu erkennen, wie wenig du auf dich geachtet hast. Dieser Zeitpunkt ist für keinen Menschen der gleiche. Akzeptiere einfach, dass das Leben dir hiermit eine große Chance gibt. Tief in dir weißt du, dass jetzt der Zeitpunkt genau der richtige ist. Jetzt – wo nichts mehr geht – ist die einzige Möglichkeit zur inneren Einkehr gegeben – das weißt du selbst.
Es gibt Menschen, die merken schnell, wenn etwas nicht passt, die reagieren sofort auf ihre Unzufriedenheiten und schaffen die nötige Veränderung und Anpassung an ihre Bedürfnisse. Und dann gibt es Menschen, die versuchen immer ihr Bestes zu geben und überhören dabei die Stimme ihres Herzens. Die sind so sehr darauf bedacht, es allen Recht zu machen, dass sie sich selbst hinten anstellen. Nun … zu welcher Gruppe gehörst du?“

„Ach, Keki … woher weißt du das alles?“

„Nun ja, ich bin ein Teil von dir. Jener Teil, der im Höheren Selbst verankert ist.
Auch, wenn die Menschen alle individuell verschieden sind, so wollen die wenigsten von euch unangenehme Gefühle erleben. Fast jeder von euch neigt dazu, irgendwo eine „Schuld“ zu suchen. Doch es ist nur ein Ausweichen. Es geht darum, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und anzuerkennen. Du kannst dich jederzeit entscheiden, ob du sie annimmst oder nicht. Wenn diese vermeintlich „schlechten, unangenehmen“ Gefühle jetzt da sind, dann soll das so sein. Es ist eine Gelegenheit mehr.
Das Leben gibt dir dadurch die Möglichkeit einer Neujustierung. Vertrau einfach. Es ist für alles gesorgt.“

Bella schaut nachdenklich. „Ja. das erinnert mich an Bert Hellinger. An diesen Ausspruch: >Annehmen, was ist. Dann wirkt alles!<“

„So ist es. Gute Nacht, Bella.“

„Gute Nacht, Keki.“

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