Besuch

Ich habe die Tür offengelassen,
und prompt stellt sich Besuch ein.
Noch bevor ich ihn höre,
wird es ganz kalt,
und das Herz flattert in der Brust
wie ein aufgeregter Vogel im Käfig.
Die alten Stiegen knarren,
während er hochkommt
zu mir
in dieses Zimmer,
das er komplett ausfüllt.
Er muss sich nicht vorstellen –
ich kenne ihn gut,
und er muss auch gar nichts sagen,
denn ich weiß bereits …
Alles, was gewesen ist
und alles, was sein wird.
Er war schon lange nicht mehr hier,
kein Wunder,
dass er mal schauen will,
was es mit der Leichtigkeit so auf sich hat,
die sich natürlich sofort verkrümelt hat
und alles Weite, Lichte mit sich genommen hat.
So sitzen wir einander im Dunkeln gegenüber,
der Schmerz und ich.
Und als es Tag wird,
geht er langsam wie ein alter Mann die Stufen hinunter
und ich höre das leise Klicken der Tür.

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April April …

Wie außen – so innen könnte ich mal wieder sagen.
Einen Tag lang beschert die Sonne uns Blauhimmel und Temperaturen von 20 Grad, dann auf einmal Kälte, richtige Eiseskälte, so dass ich schon überlege, ob es auf dem Fahrrad nicht sogar noch mal der Daunenmantel sein muss, und Wolken, Nieselpiesel, heftigen Wind.

Seit 193 Tagen male ich jeden Tag ein Bild, oder wenigstens eine kleine Skizze. Wer mir auf twitter oder Instagram folgt, hat das mitbekommen.
Also ist das Malen schon längst Gewohnheit geworden.
Frühes Aufstehen, einen Kaffee – manchmal zwei – und das Bild des Tages einstellen.
Doch im Moment habe ich keine Lust.
Quäle ich mich.
Hat mich ein wenig die Muse verlassen.
Wozu das alles … wo es doch Leute gibt – massenweise Menschen, die das viel besser können als ich selbst?
Nur die Disziplin, etwas, das ich glücklicherweise gelernt habe im Leben, lässt mich dranbleiben.
Egal … ich male jetzt dieses Bild … oder wenigstens eine Kritzelei … Schwimmen bin ich auch damals gegangen – egal, ob ich wollte oder nicht – ich hab´s getan.
60 Bahnen vor der Arbeit. 2 bis 3mal die Woche.
Doch das war vor der Depression.
Vor dem Armbruch.
Vor der Arbeitslosigkeit.
Es kostet mich einige Mühe, nicht zu jammern … positiv zu bleiben.
Jetzt scheint die Luft raus zu sein.

Erstaunt bemerke ich, dass diesem Blog immer noch Menschen folgen, dass sogar neue Follower dazukommen.
Warum?
Ich schreibe doch nur sehr sporadisch.
Keki ist stumm.
Ich habe nicht viel zu erzählen.
Ich hätte vielleicht, habe das aber mehr in den Zeichnungen oder den Fotos zum Ausdruck gebracht.
Es wäre jetzt ein guter Schritt, einen neuen Blog mit meinem Namen zu beginnen.
Raus aus der Anonymität und mit professionellerem Outfit.
Nur noch die Illustrationen und die Fotos zu zeigen.
Für den Ostermarkt hatte ich mir noch Visitenkarten machen lassen, die ich ganz schön finde.
Der Markt selbst hat gezeigt, dass die wenigsten Leute Geld für Illustrationen ausgeben wollen.
Die Postkarten sind gut gelaufen – immerhin.
Ich will das nochmal anpassen. Das Format des Marktes sollte wohl doch eher dem eines Kunst-
oder Handwerksmarktes entsprechen.

Kennt ihr das? Wenn da so ein Gedanke aufblitzt und sogleich in einem großen Knäuel in den Gehirnwindungen versinkt? Vielleicht ist die postdepressive Phase eine, die andauert. Vielleicht wird mein Gehirn nie wieder so schnell, so flexibel funktionieren wie früher?
Bleibt das jetzt so?
Dieses Müdesein?
Die Unentschlossenheit?
Dieses Sich-nicht-entscheiden-Können, egal ob es sich um das Frühstück oder um das Lebenskonzept handelt.

Meine Güte … ich eiere durch diese Zeit. Die Tage vergehen, die Wochen, die Monate … ich werde auch nicht jünger – und weiß noch immer nicht, wo die Reise hingeht.

Es tröstet mich, dass es Vielen so geht … oder Einigen.
Also halte ich mich an den Gewohnheiten fest. Die Sonne geht auf und unter. Die Jahreszeiten kommen und gehen. Der Rhythmus ist vorgegeben – mein menschlicher Wille erscheint mir unbedeutend im Großen und Ganzen.
Und dennoch kann niemand außer mir selbst dieses mein Leben leben. Ich muss es selbst tun.

Nachdenken

Bella denkt nach:

„Wie ungewöhnlich …
dass ich einerseits auf den Frühling warte
und andererseits noch diese farblose Ungewissheit schön finde …

Vielleicht, weil ich sie selbst noch in mir trage …
weil auch in mir der Winter noch nicht zu Ende ist …
Und weil mir die Melancholie so zu eigen ist …
und ich gar nicht weiß,
ob ich darauf verzichten mag.

Sehe ich denn dann noch dieses zart Verblühte…
Habe ich dann noch Augen für das Nichtlicht
und den Nebel
und die Töne,
die über den Wiesen liegen?

Braucht es nicht
die kahlen Bäume
und die kargen Landschaften …
um dann aus satten Auen
Lebenskraft zu schöpfen?

Ist nicht diese stille Zurückgezogenheit
unabdinglich
lebensnotwendig …
Ein Sterben,
um geboren werden zu können …?“

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Winterkind

Immer schon liebte Bella diese französischen Filme, in denen Tische auf der Wiese zusammengestellt wurden und sich die Familie dort traf.
Immer waren diese Familien groß.
Immer wirkte das so herrlich unkonventionell.
Immer wurde gelacht und gestritten … die Atmosphäre war ausgelassen, überdreht, theatralisch, feinsinnig, zurückgenommen … mal so … oder so …
Lichter leuchteten, Gläser klangen, Kinder spielten unter Apfelbäumen … während die Erwachsenen speisten, Rotwein tranken und über Gott und die Welt diskutierten.

Bellas Familie ist klein und ganz anders.
Und eine solche Atmosphäre herrschte höchstens mal alle 10 Jahre …
Und Geschwister gibt es keine.
Auch keine Cousinen … jedenfalls nicht im näheren Umkreis.
Dass es überhaupt welche gab, war ein lang gehütetes Familiengeheimnis, das erst gelüftet wurde, als Bellas Kindheit vorbei war.
2 Mädchen …
Wie schade …
Wie schön hätte das sein können, mit ihnen gemeinsam unter dem Tisch zu sitzen, wenn die Erwachsenen ihre Familienzusammenkünfte abgehalten hätten.

Diese Sehnsucht …

Doch es war nicht so.
Es gab eben dieses Leben … und nur dieses … das so anders war als in jenen Filmen.

Geburtstage wurden nie auf einer Wiese gefeiert …
Diesen Wunsch erfüllte sich Bella erst, als sie eine eigene Tochter hatte, denn diese ist ein Sommerkind … und natürlich … endlich konnte man draußen feiern. Und das gerne und ausgiebigst.
Die eigenen Kinder holen nochmal längst vergessene, biografische Erlebnisse zurück, erinnern an Träume und Wünsche, die man hatte.

Bella selbst ist ein Winterkind.
Da hielt man sich in schlecht belüfteten, überheizten Räumen auf.
Da war es, Ende November immer trübe, grau, verregnet.
Einmal, oder waren es tatsächlich schon zwei Winter (?), hatte es sogar geschneit, doch das waren die Ausnahmen.
Und nie mochte Bella diese Jahreszeit.
Jedenfalls nicht als Erwachsene.
Nicht in der Stadt.
Der Verlust des Lichts ging immer einher mit einer schleichenden Melancholie, die sich auf sie legte.
Wenn sie jetzt darüber nachdenkt, war das wirklich schon immer so …
Natürlich wurde in jenen Jahren, als die Kindheit sich langsam verabschiedete … besonders in der Pubertät … schwermütige Literatur gelesen … die eigene Stimmung verdüsterte sich mit dem herannahenden November … und ein bisschen wurde mit der eigenen Befindlichkeit kokettiert.
Aus ihr heraus entstanden ein paar Gedichte, und Gedanken wurden aufgeschrieben, Tagebücher gefüllt. Songtexte entstanden. Die rechte Zeit für Liebeskummer, Keiner-liebt-mich und allgemeinen Weltschmerz.
Bedrückt schien die Seele schon damals, und natürlich war auch die Sinnfrage schon entscheidend.
Der Schmerz war schon da, von woher war er gekommen, und warum war da niemand, der vorlebte, wie man damit umzugehen hatte?
Fing da schon diese Fühllosigkeit an?
Begann die Bella schon damals, sich dem Dunklen zu verschließen?

Denn irgendwann hörte das Schreiben auf. Auch das Singen (nach vielen Jahren in einem Chor) und das Malen. Irgendwann fing eine Art positives Denken an, das kein Leid und keine Schwere ertrug.

Dem Winter und ihren eigenen Gedanken wollte sie jedenfalls gerne entfliehen.
Ständig fror sie, und sie hasste das Eingesperrtsein in den engen Räumen. Lediglich Weihnachten brachte ein wenig Glanz in diese trübe Zeit.

Erst jetzt geschieht der Wandel.
Nach so vielen Jahren wird sie sich der Qualität dieses Jahresabschnittes bewusst.
Erst jetzt kann sie gut alleine sein, Zeit mit sich verbringen, die Stille wahrnehmen und genießen.
Die Ruhe aushalten.
Die Tiefe zulassen und das Dunkle nicht vertreiben ….

Sehr schön beschrieben in einem ihrer Lieblingsbücher von Zsuzsa Bánk, in „Die hellen Tage“

Nichts gehört uns, außer der Jahreszeit in die wir geboren werden. Und der gehören wir.

Und wie in dem Roman, so erinnert sich die Bella an jene unzähligen Tage, die sie als Kind und junges Mädchen auf der Eisbahn verbrachte, Runde um Runde drehte, über das Eis flog und kaum etwas mehr liebte.

Ich bin so dreist zu behaupten, dass ich ihr sehr dabei helfe, zu erkennen, was das Kind in ihr mochte, und was das Kind in ihr noch heute mag.

Die Naturverbundenheit hat sie ihren Eltern zu verdanken, die gerne wanderten. Mit ihrem Vater unternahm sie in ihrer Kindheit im Winter immer Ausflüge in den Wald. Sie besuchten ein Tiergehege mit Wild, und sie hat unzählige Male in die schönen Augen von Hirschen und Rehen geblickt, und in das der Wildschweine, die sich im Dreck suhlten und vor Wonne grunzten.
Sie fütterte die Eichhörnchen, die manchmal die Nüsse direkt aus der Hand holten.

Und dann taucht die Großmutter auf, mit der sie später im Jahr dann Plätzchen für die Adventszeit buk … Oma in ihrer geblümten Schürze … und der Keksgeruch, der die ganze Wohnung durchzog. Heiße Milch mit Honig an kalten Tagen und bei Schnupfen … und Bratapfel aus dem Ofenrohr … Und manchmal … da in Omas Schlafzimmer übernachten dürfen, der Opa zog dann ins Wohnzimmer um … Eingekuschelt und fast verborgen unterm riesigen Federkissen, während Oma vor ihrem Spiegel saß und ihr langes, graues Haar bürstete.

Doch … da in der Kindheit … da gibt es schöne Erinnerungen an den Winter …

Und die hellen Tage dieses Winters und die dunklen Raunächte waren auch sehr besonders.
JETZT ist die Zeit sehr besonders.