Endlichkeit

Bella liest sich durch die vielfältige Welt der Bloggergemeinde und stößt natürlich über unzählige interessante Themen und Anregungen.
Eine Inspiration folgt der nächsten.
Und so blieb sie heute Morgen bei Isabel Bogdans´It´s a blog bei der Beschreibung ihrer Übersetzung von Jane Gardam´s „Ein untadeliger Mann“ hängen und las mit großen Interesse das dort von ihr vorgestellte Vorwort von Daniel Schreiber.

Darin heißt es an einer Stelle:

„… >Ein untadeliger Mann< ist nicht zuletzt ein Roman über das Alter, über das Gefühl einer Lebensphase, in der ein Mensch mehr Vergangenheit als Zukunft besitzt. …“

„Bella, meinst du, bei dir ist das so?“

„Aber ja, Keki. Unbedingt. Ich gehe davon aus, dass ich die Hälfte meiner Lebenszeit bereits überschritten habe … und dass es genau so ist, wie in dem zitierten Satz. Ich habe mittlerweile mehr Vergangenheit hinter mir, als Zukunft vor mir läge.
So jedenfalls fühlt es sich an.
Ich denke nicht, dass ich über hundert Jahre alt werde.“

„Das kann ja nun niemand wissen. Und wenn es so wäre – was bedeutet das für dich?“

„Da hast du Recht … wie lange ich noch leben werde, das weiß ich nicht.
Es geht vielleicht auch gar nicht um das Wie lang, eher um das Wie.
Die Frage, die mich umtreibt, ist natürlich die, wie ich die restliche Zeit verbringen möchte.
Wenn ich so nachspüre, dann dachte ich immer, das genau zu wissen, wie ich leben will.
Gerade ist aber wieder eine solche Aufbruchsstimmung in mir … so ein Sehnen nach was Neuem.
Meine innere Abenteuerin möchte ihre Wanderstiefel anziehen und loslaufen.
Ich möchte mal reisen – und nicht nur Urlaub machen …
Ich habe das Gefühl, noch nicht alles gesehen zu haben, noch nicht alles erlebt zu haben …
fühle mich zu groß in meiner Haut, die mir nicht mehr passt und an allen Stellen spannt.
Und ich habe Angst davor, was zum Vorschein kommt, wenn sie Risse bekommt und aufplatzt.“

„Was könnte passieren?“

„Ich könnte wirklich mich selbst finden …
Das ist ja genau das Tolle an diesem Lebensabschnitt.
Die Menopause ist genau jener Zeitpunkt im Leben einer Frau, der die Möglichkeit eröffnet, die alten Rollen abzulegen, aus dem Erwartungsdruck auszusteigen.
Das ist ja auch hormonell spürbar.
Nie mehr hat eine Frau eine größere Hingabefähigkeit als als ganz junges Mädchen, also in der Pubertät … Da ist der Östrogenspiegel am allerhöchsten.
Und jetzt … im Alter dann … ist er so sehr abgesunken … und macht damit auch den Weg frei in das ganz Eigene, das eigene Selbst, sozusagen.“

Bella versinkt in Schweigen.
Sie macht sich viele Gedanken.

Das Gedankenmachen verhindert manchmal das Fühlen – jedenfalls ist das bei der Bella so.
Denn sie ist sehr schnell. Hin-und-hergerissen zwischen den Polaritäten …
alt – neu … gut – schlecht … Vergangenheit – Zukunft…
Dabei geht es doch eher um ein Sowohl-als-auch.
Und eben um das Fühlen.
Doch bei den auftauchenden Bildern – der geplatzten, oder rissigen Haut, zeigt sie natürlich direkt mit ihrem Zauberstab in ihr eigenes Erleben.

Der gegenwärtige Schmerz führt direkt in die Wahrhaftigkeit.
Und natürlich in das Jetzt. Immer wieder geht es nur um das JETZT.
Ein anderes Leben ist nicht möglich … außer JETZT.
Die augenblickliche Lebenssituation zwingt zu einer eingehenden Betrachtung.
Es geht dabei um Wahrnehmung und Akzeptanz, um Verstehenlernen …
Doch die Bella rennt voraus und überlegt, was noch alles getan werden muss, was noch alles ansteht, wie denn nun dann demnächst das Geld reinkommt.
Ist der alte Beruf noch tragbar?
Geht sie zurück?
Macht sie was Neues?
Der zweite Schritt vor dem ersten …
Planung steht dem Erleben entgegen … zumindest zum aktuellen Zeitpunkt.
Das Wesen der Depression zu be-greifen, zu er-fassen …
Selbst Frau Ka sagte gestern: „Wenn Sie eine schwere Bronchitis hätten. würden Sie auch keinen Sport machen“, und die Bella lachte und meinte: “Doch, ich schon.“
Und so umkreiste Frau Ka das Thema und lieferte das Bild eines gebrochenes Beines, um zu veranschaulichen, dass die momentane Lage Ruhe erfordere und auch Verlangsamung und Freude um der Freude willen.
Denn geht es nicht genau darum?
Um die Freude?
Und die Liebe?

Wenn diese beiden fehlen, nutzen auch 50 Jahre weitere Lebenszeit nichts.
Kein einziges, weiteres Jahr sollte freudlos gelebt werden.
Doch es gibt auch hier wieder den Gegensatz – das Leid.
Das gilt es nicht auszuschließen,
denn es gehört genau so dazu.
Sowohl als auch.
Das eine steht oft in Verbindung mit dem Anderen …
Freude wäre nicht tiefe Freude, wenn das Leid nicht auch erfahren wurde.

Die verloren geglaubte Identität wird sich aufblättern …
erblühen in einem Ausmaß,
das jetzt noch gar nicht spürbar ist.
Nur ahnbar … und deshalb werde ich die Bella immer erinnern …
Lebe jetzt.
Mit den Möglichkeiten, die du hast.
Mit den Gaben, die du besitzt.
Es ist schon alles da.
Du bist vollständig.
Und komplett.

Zieh ruhig die Wanderstiefel an,
doch laufe nicht weg vor dir selbst.
Platze auf … und ergieße dich in dich selbst.