Frischer Wind

Kurz vor fünf.
Die Singdrossel auf dem Haus gegenüber ist die Einzige, die mit mir wach ist.
Ich kann sie nicht sehen, es ist noch stockduster, aber ich weiß, dass sie da sitzt, weil sie jeden Morgen dort ihren Platz einnimmt.

Es ist noch etwas Zeit.
Nach dem Frühstück werde ich wieder ans Meer fahren.
Die Ostsee ist so schnell zu erreichen, und wenn immer es möglich ist, mache ich mich auf den Weg.
Vorletztes Wochenende waren der Liebste und ich schon dort und beschlossen, es möglichst sofort zu wiederholen, sobald die Zeit es zuließe.

Meine Gedanken kommen dort zur Ruhe.
Fast Augenblicklich, wenn meine Füße den Sand berühren und die Seeluft in meine Lungen einströmt, entspanne ich mich und alles fällt von mir ab.

Eine kleine Atempause.
Luft holen und Anlauf nehmen.
Mein Leben hat sich gedreht.
Dass ich meinen Job gekündigt habe, war am Ende etwas, was so leicht ging.
Ziemlich lange hatte ich den Eindruck, das Team in dem ich arbeitete, hätte mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Über die langen Monate der Krankschreibung kam von deren Seite nichts (bis auf eine Kollegin, mit der ich befreundet bin).
Doch dann … zuletzt war ich ganz ruhig und ausgesöhnt.
Ich bin noch hin und habe mich verabschiedet von allen.
Wir hatten ein kleines Nachmittagstreffen. Und es tat gut, so ausgesöhnt zu gehen.
Etwas in mir hatte sich komplett befriedet.
Ich hatte dort ja auch sehr schöne Zeiten, und am Ende flossen auch ein paar Rührungstränchen.

Die große Kiste mit meinen Sachen, die eine Kollegin aus meinem Schreibtisch geräumt hatte, wurde im Kofferraum verstaut.
Ich habe dann alles komplett weggeschmissen. So viele Ordner, Aktennotizen für mich persönlich, Protokolle, Listen, Kopien von Fortbildungen etc. Es brauchte fast 3 Stunden, bis alles in kleine Schnipsel gerissen war und ich es in den Papiermüll geben konnte.
Eine Erleichterung.
Nichts aufgehoben, bis auf ein paar Fotos und eine Tasse, die mir einmal eine Klientin schenkte.
Ein Befreiungsakt.
Adieu, altes Sozialarbeiterleben.
Ich wende mein Gesicht nun der Sonne zu.

Das amtsärztliche Gutachten hat bestätigt, dass ich noch nicht arbeitsfähig bin.
Aufgrund der Schwere der Verletzung meines Armes gilt das für das nächste halbe Jahr.
Auch ist mittlerweile anerkannt, dass ich nicht mehr im alten Beruf arbeiten kann.
Ich habe Widersprüche stellen, den Rentenversicherer bemühen müssen, schlaflose Nächte verbracht … doch jetzt scheint alles erledigt zu sein.
Die Dinge laufen.
Arbeitslosengeld ist bewilligt.
Ich habe einen Antrag auf Nebenerwerb gestellt.
Bin ganz offen mit allem umgegangen und habe angemeldet, dass ich meine Bilder auf einem Kunstmarkt verkaufen möchte.
Taaadaaa !!!

Was so einfach klingt, war ein wochenlanges Ringen in mir …
Wer kauft das schon? Wer will das schon?
Die alte Leier … kusch … in dein Körbchen …

Natürlich muss ich alles zurückzahlen, was 150,00 Euro übersteigt.
Doch das ist es mir wert.
Ich habe zumindest die Möglichkeit, mich auszuprobieren und mache Erfahrungen.

Vor wenigen Tagen habe ich meine Selbständigkeit beim Finanzamt angemeldet.
Noch ein Riesenschritt.

Ich habe ja nicht vor, ewig vom Arbeitslosengeld zu leben.
Es ist jetzt eine wunderbare Absicherung, die es mir ermöglicht, wirklich zu testen, wie das mit der Freiberuflichkeit läuft.

In zwei Wochen hab ich meinen ersten Stand auf einem Ostermarkt.
Im Sommer hab ich einen auf einem Hafenfest an der Ostsee.
Drum herum wird sich weiteres ergeben.

Ich bin sehr aufgeregt und fleißig.
Male jeden Tag und tue, was ich liebe.

Deshalb ist auch dieser Blog so verwaist.
Ich schreibe wenig, noch weniger lese ich.
(Verzeiht mir also, dass ich euch so selten auf euren Blogs besuche,
ich hoffe, dass sich das wieder ändert.)
Meine ganze Zeit stecke ich in die Illustrationen oder die Federbilder.
Mein Blog darf sich wandeln.
Es wird Zeit, mich zu zeigen, meinen Namen zu verwenden.

Keki ist in mir und lächelt.

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21 Gedanken zu “Frischer Wind

    • Lieber Reiner. Das dachte ich von Anfang an. Immer öfter frage ich mich in Situation „Wozu ist das jetzt gut?“ und bin mir sicher – die Antwort kommt. Manchmal nicht gleich – eher in der Rückbetrachtung. Aber nach dem Unfall dachte ich schon auch, dass er mich davor bewahrt hat, sofort loszustürzen, mir einen Job zu suchen, in dem es ums Geldverdienten geht … und wieder mal darüber hinweg zu gehen, was ich eigentlich möchte.

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  1. Das passt sehr gut zum Frühling. Etwas, das schon lange in Dir geschlummert hat, hat nun seinen Durchbruch, kommt ans Licht und zeigt sich. Gut verwurzelt und beflügelt. Alles Gute für Deinen frühlingshaften Neubeginn!
    Ich bin auch schon gespannt auf Deine Bilder.

    PS: Kannst Du Dich noch an meinen Kommentar mit dem Kinderbuch erinnern?

    Alles Liebe, Nicole

    Gefällt 2 Personen

    • Danke dir sehr. Ja … der Frühling treibt aus … in meiner Fantasie entsteht ständig was Neues. Ich finde es sehr spannend, wo das noch alles hinführen wird. „Kinderbuch“ ist nach wie vor noch ein anzugehendes Projekt. ich hab´s auf´m Schirm.

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  2. einfach wunderbar, wie Du Dein Leben konsequent aufgeräumt hast. Es klingt nach einem frischen Neuanfang, in dem Du Dinge machst, die Dir wirklich Freude bereiten…viel Erfolg!!!! PS: Dein Kinderbuch steht ja auch noch aus 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Hach, wie wunderbar, von Deinem Mut zu lesen! Die Bewusstwerdung des Abschieds, die Kraft des Neuanfangs, Dein Lauschen auf die Herzensstimme, Deine Zuversicht, und nicht zuletzt die Fahrt(en) ans Meer, um es einzuatmen – ach, das klingt so wunderbar stimmig. Ich freue mich für Dich mit und lächle nun in den Frühling, der rings um mich, rings um uns aufblüht.
    Ich wünsche Dir, dass sich Schritt vor Schritt setzt. Der Weg entsteht ja manchmal erst beim Gehen …
    Sei von Herzen gegrüßt,
    Frau Rebis

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    • Liebe Frau Rebis, ganz genau so ist es. Auch wenn man nicht genau weiß, wie es geht … es beginnt mit den ersten Schritten. Und ich bin heute schon viel zuversichtlicher als letzte Woche. Und da war ich zuversichtlicher als vor einem Monat.
      Das Leben will auch, dass wir uns bewegen und aktiv sind. Wenn ich auf dem Sofa bleibe, wird mir niemand was anbieten … Also raus – und was böte sich da besser an als dieser schöne Frühling. Er bringt wirklich ordentlich Schwung. Ich hoffe, dir auch. Sei von Herzen gegrüßt.

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