Parallelwelt

Mein Leben spielt sich im Krankenhaus ab.
Gerade.
Ein geliebter Mensch meiner Familie, von dem ich irgendwie glaubte, nichts könne ihn je umwerfen, ist plötzlich krank.
So aus heiterem Himmel …
Wo er doch vorher nie krank war …
Einmal in 55 Jahren eine heftige Grippe mit Halluzinationen … ansonsten erinnere ich nichts …
Nichts …
Und damit rückt auf einmal das Thema von Stephan, der mich mit einem „Liebsten Award“ nominiert hat (vielen herzlichen Dank dafür), ganz nah an mich heran …

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„Stell dir vor, du wüsstest, dass du im nächsten Moment sterben wirst. Was wären deine letzten Worte an die Welt, was wäre deine Botschaft für die Menschen?“

Die Endlichkeit des Lebens ist uns wohl allen bewusst …
Wir wissen das …Irgendwann werden wir gehen müssen.
Doch ist uns wirklich bewusst, was das für eine Gnade ist, dass wir wirklich hier sein dürfen?

Jetzt, wo mein Vater im Krankenhaus liegt und der Krebs sich in unserer Familie eingenistet hat, registriere ich, wie viel Gnade ich bereits erfahren durfte.
Bislang war er immer da … Meine ganze Kindheit hindurch hat er mich begleitet – und weiter durch die Pubertät bis hinein in mein fortgeschrittenes Erwachsenenalter.
Meine Eltern sind nächstes Jahr 60 Jahre miteinander verheiratet.
Werden sie das noch erleben können? Gemeinsam?
Es ist ein schwieriges Jahr – dieses 2016.
So Viele mussten gehen …
JedeR, die/der jemanden verloren hat, wird wissen, wie schmerzlich das ist.
Ich und meine Familie … wir befinden uns noch im Stadion von Zittern, Bangen und Hoffen …
von Nicht-Wahrhaben-Wollen, Verleugnung, Optimismus und Festhalten … Beten und Glauben.
Alles, was vorher schwierig war, ist auf einmal unwichtig.
Problematisches erscheint vergessen und vergeben …
Die Liebe hat auf einmal alle Kanten ausradiert und milder schraffiert…
Da sind nur die Herzen, die klopfen …
Die Augen, die sich betrachten, Hände, die einander berühren …
Und Gedanken, die man fast spüren kann.
Ich sehe meinen Vater an, und weiß, dass er sich mehr um meine Mutter sorgt, als um sich selbst.
Und ich sehe meine Mutter an, und weiß, dass sie vor Kummer keine Nacht schläft.
Bemerke, wie sie immer schmaler wird, und die Müdigkeit ihr Gesicht zeichnet …

Ich schrieb diese ersten Absätze vor fast zwei Wochen, und daran anschließend kamen dann weitere Belastungen dazu.
Meine Mutter brach zusammen und kam ebenfalls ins Krankenhaus, und ich wanderte eine Woche lang zwischen den Stationen hin und her.
Jetzt ist sie wieder zu Hause, fragil, kaum fähig, sich um sich selbst zu kümmern.
Ich bin in Sorge …
In mir ist eine Ohnmacht, dass diese Situation nicht kontrollierbar ist … wir sie alle nur irgendwie hinnehmen müssen und hoffentlich einigermaßen da durch kommen.

Ich reagiere stark. Auch körperlich … mit Symptomen.
Versuche, Ruhe in die Situation zu bringen, doch erinnere so vieler Dinge aus meiner Kindheit, die plötzlich in einem Maße angetriggert werden, die meinem erwachsenen Handeln nicht zuträglich sind.
Daneben setze ich mich hin und versuche, wann immer es geht, ein kleines Bildchen zu malen.
Schlüpfe in eine Parallelwelt – ähnlich, wie ich das als Kind getan habe.
Doch ich merke, wie ich dort zur Ruhe komme, der Spannungsbogen nachlässt und ich das Malen fast wie eine Meditation empfinde.

Ich verlasse jetzt diesen Schauplatz
und komme zur eigentlichen Frage zurück:
Wie würde es mir selbst gehen, wenn ich gehen müsste? Jetzt …
Mein eingestelltes Bild trifft es wohl ganz gut.
Ich habe noch Träume.
Visionen.
Mein Pa möchte noch eine Reise machen …
Ich auch …
Ich möchte noch viele Reisen machen.
Ich habe den Eindruck, noch nicht genug von der Welt gesehen zu haben.
Ich kann nicht sagen, dass das nun ein erfülltes Leben gewesen wäre.
… Also so in Gänze. Dass es wirklich abgeschlossen wäre. Und ich vollständig in mir ruhend und zufrieden …Da ist noch etwas, immer wieder, was ich wissen will, wo ich weiter möchte.
Was ich lernen mag.
Erkunden, entdecken, neu erfahren, den Blickwinkel weiten.

Mein letzter Satz wäre wohl:
„Ach … schade … Jetzt schon?“

(Ich lese gerade aus Gründen recht wenig in anderen Blogs. Verbringe einen Großteil meiner Zeit mit meiner Familie. Daher werde ich keine 10 weiteren Blogger vorschlagen – wie die Spielregeln es  vorsehen – und bitte um euer Verständnis.)

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28 Gedanken zu “Parallelwelt

  1. Wie bekannt sich das für mich anhört … meinen Papa durch Waldunfall verloren … meine Mama danach an Krebserkrankung gestorben … danach eigenes Burnout, gefolgt von eigener Krebserkrankung … jetzt geheilt, vieles anders als vorher.
    Jede neue Lebensphase eine Chance, jedes Lebensereignis lässt stärker weiter gehen, manches wird klarer, der Blick geöffnet, lässt weit über eigene Grenzen blicken.
    Wünsche dir viel Zuversicht in dieser schwierigen Zeit …. und mache dir jeden Tag einen Glücksmoment bewusst.

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  2. Liebe Muschelfinderin,

    vielen Dank für deinen Text, der mich ein wenig sprachlos macht, vielleicht weil ich es nachfühlen kann…

    Ich wünsche dir für die nächste Zeit viel Kraft und möglichst auch erfüllende Momente.

    Liebe Grüße an dich
    Stefan

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    • Ja … siehst du … So ging es mir mit deiner Anfrage auch. Auf einmal wurde aus der bloßen Theorie eine recht lebensnahe, überraschende Momentaufnahme. Ich nehme mir immer wieder mal kleine Auszeiten – so wie heute, wo ich den ganzen Tag in der Natur verbrachte. Liebe Grüße auch an dich. Bella.

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  3. … manchmal kommt alles geballt und man selbst möchte sich einfach nur auflösen im Schmerz… aber dein Leben geht weiter, du hast kein anderes und die die womöglich gehen müssen haben ihres gelebt… Schnuffeltuch und ganz viel Kraft schicke ich dir von Herzen, Rita

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    • Da hast du recht. Das eigene Leben darüber nicht zu vergessen, ist wohl das Wichtigste. Eine Freundin sagte mir erst gestern, ich solle aufpassen, dass die starke Resonanz auf meinen Vater mich nicht am eigenen Leben hindere. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wir sind ja meist energetisch sehr gebunden … Was gibt es da innerlich noch zu kappen … Wo lebe ich wirklich ganz mein Eigenes. War ein wichtiger Anstoß gestern – und deine Aussage ist ganz ähnlich. Danke

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      • „das eigene Leben verhindern“ – egal, was du tust oder „es mit dir tut“, ich finde, es ist immer dein eigenes leben. kontrollverlust hemmt allerdings auf dauer (mit-)gestaltungswillen. das ist richtig ziemlich ungemuetlich, wenn jenes pflaenzchen so zart ist. in diesem sinne: pass auf dich auf, liebe keki. deine silver.

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      • Das tue ich – auf mich aufpassen. Ich bin gerade ziemlich im Rückzug. Genieße diese Tage, in denen mein Pa mal wieder zu Hause ist und Zeit allein mit meiner Mutter verbringt. So hab ich ein wenig Muße und tue, was ich will. Liebe Grüße zu dir, liebe Silver.

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      • (soll eigentlich als Antwort auf deine Antwort von mir sein; k.A., wie ich das auf Wordpess hinbekomme)
        „mich nicht am eigenen Leben hindere“ und „Das eigene Leben darüber nicht zu vergessen“ – darauf bezog sich auch mein „pass auf Dich auf“, ja.
        Aber irgendwie anders, eben.
        Anstatt zu zementieren, dass das Erleben etwas ist, das abgespalten ist und auch als solches bittesehr von Pausen-fuer-mich-selbst abgewechselt werden muss,
        koennte eine Eigen-Definition mehr in Richtung von „es lebt mich“ auch eine Erleichterung bedeuten. Wenn es zu viel wird, weisst du? In dem Moment, wo es zu viel wird und sich weggewuenscht wird, weil DasDa jetzt per Definition nicht „zum eigenen Leben“ gehoert und mal eben auf „Pause“ gedrueckt werden will.

        Die gewuenschte Pause erzeugt ja auch Stress, zumal, wenn sie gerade gar nicht meoglich ist.
        Dort fuer Dich zu sorgen, indem Du Deine Denke veraenderst, wollte ich als Hinweis ausdruecken.
        Schade, dass Du meinen erneuten, und auch noch wortreichereren Kommentar womoeglich als Eingriff in Deinen Rueckzug empfinden wirst.
        Nachvollziehen koennte ich das total. Es lebt Dich ja gerade – ganz unrational.

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      • Großartig. Wie klug du bist. Und Dankeschön, dass du mich erinnerst … Das ist mein Grundproblem per se … noch immer … und immer wieder … diese Schwarz-Weiss-Denke … dieses Gut gegen Böse, Hell gegen Dunkel. Ich weiß natürlich um die Zwischenräume, um die Zwischentöne und die feinen Nuancen, mir ist bewusst, dass das eine nicht ohne das andere sein kann -THEORETISCH. Aber oftmals wirft es mich dann um.
        Alles, was als Kind schlimm war, präsentierte sich vor kurzem erneut – doch wohl nur in meinem Kopf … und in meinen Zellen, die für wahr halten, was schon längst vorbei ist. Diese Nervenautobahnen, die schnurstracks immer geradeaus führen.
        Doch ich mache viel Energiearbeit und hoffe somit, diese destruktiven Zellerinnerungen zu löschen. Good bye, ihr dürft gehen. Na ja … du hast Recht. Derweil lebt es mich. Ziemlich gute Vorstellung, mich darin hinein zu entspannen.
        Sei von Herzen umarmt.

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      • mensch, ach soo! jetzt versteh ich erst, worauf sich das auch bezieht „Das eigene Leben darüber nicht zu vergessen“.
        Auf die erlebte Regression in Deine Zellerinnerung hinein, naemlich. So hatte ich das gar nicht verstanden, als ich meine Kommentare schrieb.
        Aber auch darauf passt der entspannende Gedanke „es lebt Dich“. War bloss nicht so gemeint 😀

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  4. Was kann trösten in solchen Momenten, dieser Zwischenzeit? Liebe Worte, Erinnerungen, malen, en Gedicht lesen, das Herbstlaub, Keki, mit sich kuscheln, den Geruch des anderen tief einatmen, beten, Schokolade … was auch immer Dich tröstet, ich wünsche Dir, dass es bei Dir ist, wenn Du es brauchst.

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