Schreiben gegen Rechts

Im Netz hat Anna Schmidt einer Blogparade gegen Rechts aufgerufen,
zu der ich gerne einen Beitrag beisteuern möchte.

Ich will mal was über Gastfreundschaft schreiben …
Wie man sie erlebt, wenn man selbst ein Fremder ist.

Diese Geschichte ist wahr und passierte meinem Großvater im Zweiten Weltkrieg.

Mein Großvater kam in italienische Kriegsgefangenschaft, von der er mir mal erzählte, als ich in die Pubertät kam, ich muss damals so zwölf gewesen sein. Und es war an einem Wochenende, an dem ich bei meinen Großeltern übernachtet hatte.
Bis dahin wusste ich nichts über Opas Vergangenheit …
Er und ich hatten so kurze Momente miteinander, wenn ich ihm manchmal morgens beim Rasieren zusah.
Ich mochte das schon immer sehr – dieses Ritual, das Gesicht mit diesem weißen Schaum zu bedecken, und dann konzentriert über die eingeweichten Bartstoppeln zu streichen. Ich höre noch das kratzende Geräusch … und bis heute mag ich es lieber, wenn Männer sich nass rasieren als einen elektrischen Apparat zu benutzen.
Ich finde das irgendwie noch immer sehr männlich und erotisch.

Mein Großvater sang gerne im Bad … auch unter der Dusche.
Und er hatte eine unglaubliche Stimme. Tenor. Völlig unausgebildet, aber absolut wohltönend schmetterte er seine Lieder in den Morgen.
Oft sang er italienische Arien, oder er summte vergnügt vor sich hin … So kam es eines Morgens in der Küche zu einem kurzen Gespräch, als ich ihn fragte, woher er eigentlich all diese italienischen Lieder kannte und er mir berichtete, dass er ein paar Jahre in italienischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte.
Ich war sehr erstaunt, denn er berichtete, wie gut es ihm dort ergangen war.
Natürlich war er in einer Art Arbeitslager unterbracht gewesen – ich habe nicht behalten, an welchem Ort in Italien er stationiert war – es ist wohl auch unerheblich.
Er vertraute mir an, dass er sich in jener Zeit erstaunlich wohl gefühlt habe. Es habe eine große Verbundenheit unter den Kameraden gegeben, er habe sich in dieses Lagerleben gut einfügen können und sei mit der Zeit gut mit den italienischen Soldaten ausgekommen.
Im Laufe der vielen Monate (es waren knapp zwei Jahre) habe sich zu einigen von ihnen sogar ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt.
Mein Großvater führte weiter aus, wie gut er immer behandelt worden wäre … mit Anstand und Respekt … und ich glaubte ihm sofort.
In mir formte sich ein Verstehen, dass er ein wenig von dieser italienischen Mentalität aufgesaugt hatte – selbst in diesen schwierigen Zeiten.

Es bestätigte dies.
Er fühlte sich nicht als „Feind“ in der Fremde.
Er wuchs in etwas hinein … und wurde zu einem Freund.
Am Ende des Krieges lernte er sogar die Familie eines italienischen Freundes kennen und war öfters Gast in dessen Zuhause.

Er schwärmte auch ein wenig über die Lebensfreude und die wunderschönen italienischen Frauen
und berichtete mir mit einem verschwörerischen Zwinkern, dass es ihm fast schwer gefallen sei, zurück zu kehren nach Deutschland, als er es dann durfte.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, wird mir noch einmal deutlicher, woher der Charme meines Großvaters kam, wenn er mit meiner Oma zusammen war. Er verehrte sie sehr, war freundlich und sanft und brachte sie zum Lachen.

Diese Verehrung für Frauen an sich … und seine wunderbaren Arien hatte er aus Italien mitgebracht … und die Erfahrung als Mensch wertgeschätzt worden zu sein.
Ich finde es zutiefst wohltuend, wenn Menschen einander helfen … sich verbinden und unterstützen – überall auf der Welt.

Was hier in Deutschland los ist, erfüllt mich mit Erschrecken und Entsetzen, und auch, wenn ich mich nicht an endlosen politischen Debatten oder Diskussionen beteilige, schon fast keine Nachrichten mehr anschaue, will ich einfach sagen: So nicht!

Gestern Abend war Angela Merkel zu Gast bei Anne Will.
Großartig, Frau Merkel.

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12 Gedanken zu “Schreiben gegen Rechts

  1. Eine tolle Geschichte – herzlichen Dank, ich sehe einen grossen, älteren Herrn mit blitzenden Augen, schelmischem Blick und einem Lächeln- das muss ein wunderbarer Mann gewesen sein!
    liebe Grüsse Ulli

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  2. Schön, dass du die Erzählungen deines Großvaters lebendig werden lässt und sie in dem Zusammenhang mit der heutigen Zeit stellst. Es ist gut, an solche Erfahrungen anzuknüpfen. „Er wurde zu einem Freund“ schreibst du und ich hoffe, dass viele Menschen diesen Satz sagen können.

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  3. Das hoffe ich auch.
    Ich habe früher so viel beruflich mit Menschen zu tun gehabt, die nicht in Deutschland geboren wurden … ich habe auch von ihnen so viel über Gastfreundschaft lernen dürfen.
    Sie brachten ihre Kultur hierher mit zu uns und beschenkten uns damit, einfach weil sie es so gewohnt waren.

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  4. Das ist sehr interessant für mich. Mein Großonkel, ein Bauernsohn, war als Kriegsgefangener auf einer der Kanalinseln und arbeitete auch dort in der Landwirtschaft. Als er freigelassen wurde, bot man ihm eine Arbeitsstelle an. Er blieb noch ein paar Jahre, lernte neue landwirtschaftliche Methoden kennen und fließend englisch sprechen (den Akzent und das spezielle, französisch beeinflusste Vokabular der Kanalinseln hat er bis ins hohe Alter beibehalten). Auch er erzählte, er sei sehr gut behandelt worden, was ja schon etwas Besonderes ist, wenn man bedenkt, dass Deutschland den 2. Weltkrieg angezettelt hatte.

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    • Danke für dein Erzählen. Großartig, dass es in deiner Familie eine ähnliche Geschichte gibt. Wenn das mal untersucht würde, fände man mit Sicherheit ganz viele dieser Begebenheiten. Der vermeintliche „Feind“ – ein Mensch – wie du und ich.
      Es ist immer das Gedankengut, welches das Handeln steuert.
      Umgekehrterweise weiß ich aus Erzählungen meiner Eltern, wie wir Mitte der sechziger Jahre in den Niederlanden Urlaub machen wollten, und es sehr ungemütlich war, weil die holländischen Familien uns nicht mochten … wir „Nazi-Deutschen“ sollten möglichst schnell verschwinden …
      Gerade im Hinblick auf das im Krieg erlebte, was ja in jede Familie hineinragt, ist rassistisches Verhalten heutzutage umso unverständlicher.

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