Winterkind

Immer schon liebte Bella diese französischen Filme, in denen Tische auf der Wiese zusammengestellt wurden und sich die Familie dort traf.
Immer waren diese Familien groß.
Immer wirkte das so herrlich unkonventionell.
Immer wurde gelacht und gestritten … die Atmosphäre war ausgelassen, überdreht, theatralisch, feinsinnig, zurückgenommen … mal so … oder so …
Lichter leuchteten, Gläser klangen, Kinder spielten unter Apfelbäumen … während die Erwachsenen speisten, Rotwein tranken und über Gott und die Welt diskutierten.

Bellas Familie ist klein und ganz anders.
Und eine solche Atmosphäre herrschte höchstens mal alle 10 Jahre …
Und Geschwister gibt es keine.
Auch keine Cousinen … jedenfalls nicht im näheren Umkreis.
Dass es überhaupt welche gab, war ein lang gehütetes Familiengeheimnis, das erst gelüftet wurde, als Bellas Kindheit vorbei war.
2 Mädchen …
Wie schade …
Wie schön hätte das sein können, mit ihnen gemeinsam unter dem Tisch zu sitzen, wenn die Erwachsenen ihre Familienzusammenkünfte abgehalten hätten.

Diese Sehnsucht …

Doch es war nicht so.
Es gab eben dieses Leben … und nur dieses … das so anders war als in jenen Filmen.

Geburtstage wurden nie auf einer Wiese gefeiert …
Diesen Wunsch erfüllte sich Bella erst, als sie eine eigene Tochter hatte, denn diese ist ein Sommerkind … und natürlich … endlich konnte man draußen feiern. Und das gerne und ausgiebigst.
Die eigenen Kinder holen nochmal längst vergessene, biografische Erlebnisse zurück, erinnern an Träume und Wünsche, die man hatte.

Bella selbst ist ein Winterkind.
Da hielt man sich in schlecht belüfteten, überheizten Räumen auf.
Da war es, Ende November immer trübe, grau, verregnet.
Einmal, oder waren es tatsächlich schon zwei Winter (?), hatte es sogar geschneit, doch das waren die Ausnahmen.
Und nie mochte Bella diese Jahreszeit.
Jedenfalls nicht als Erwachsene.
Nicht in der Stadt.
Der Verlust des Lichts ging immer einher mit einer schleichenden Melancholie, die sich auf sie legte.
Wenn sie jetzt darüber nachdenkt, war das wirklich schon immer so …
Natürlich wurde in jenen Jahren, als die Kindheit sich langsam verabschiedete … besonders in der Pubertät … schwermütige Literatur gelesen … die eigene Stimmung verdüsterte sich mit dem herannahenden November … und ein bisschen wurde mit der eigenen Befindlichkeit kokettiert.
Aus ihr heraus entstanden ein paar Gedichte, und Gedanken wurden aufgeschrieben, Tagebücher gefüllt. Songtexte entstanden. Die rechte Zeit für Liebeskummer, Keiner-liebt-mich und allgemeinen Weltschmerz.
Bedrückt schien die Seele schon damals, und natürlich war auch die Sinnfrage schon entscheidend.
Der Schmerz war schon da, von woher war er gekommen, und warum war da niemand, der vorlebte, wie man damit umzugehen hatte?
Fing da schon diese Fühllosigkeit an?
Begann die Bella schon damals, sich dem Dunklen zu verschließen?

Denn irgendwann hörte das Schreiben auf. Auch das Singen (nach vielen Jahren in einem Chor) und das Malen. Irgendwann fing eine Art positives Denken an, das kein Leid und keine Schwere ertrug.

Dem Winter und ihren eigenen Gedanken wollte sie jedenfalls gerne entfliehen.
Ständig fror sie, und sie hasste das Eingesperrtsein in den engen Räumen. Lediglich Weihnachten brachte ein wenig Glanz in diese trübe Zeit.

Erst jetzt geschieht der Wandel.
Nach so vielen Jahren wird sie sich der Qualität dieses Jahresabschnittes bewusst.
Erst jetzt kann sie gut alleine sein, Zeit mit sich verbringen, die Stille wahrnehmen und genießen.
Die Ruhe aushalten.
Die Tiefe zulassen und das Dunkle nicht vertreiben ….

Sehr schön beschrieben in einem ihrer Lieblingsbücher von Zsuzsa Bánk, in „Die hellen Tage“

Nichts gehört uns, außer der Jahreszeit in die wir geboren werden. Und der gehören wir.

Und wie in dem Roman, so erinnert sich die Bella an jene unzähligen Tage, die sie als Kind und junges Mädchen auf der Eisbahn verbrachte, Runde um Runde drehte, über das Eis flog und kaum etwas mehr liebte.

Ich bin so dreist zu behaupten, dass ich ihr sehr dabei helfe, zu erkennen, was das Kind in ihr mochte, und was das Kind in ihr noch heute mag.

Die Naturverbundenheit hat sie ihren Eltern zu verdanken, die gerne wanderten. Mit ihrem Vater unternahm sie in ihrer Kindheit im Winter immer Ausflüge in den Wald. Sie besuchten ein Tiergehege mit Wild, und sie hat unzählige Male in die schönen Augen von Hirschen und Rehen geblickt, und in das der Wildschweine, die sich im Dreck suhlten und vor Wonne grunzten.
Sie fütterte die Eichhörnchen, die manchmal die Nüsse direkt aus der Hand holten.

Und dann taucht die Großmutter auf, mit der sie später im Jahr dann Plätzchen für die Adventszeit buk … Oma in ihrer geblümten Schürze … und der Keksgeruch, der die ganze Wohnung durchzog. Heiße Milch mit Honig an kalten Tagen und bei Schnupfen … und Bratapfel aus dem Ofenrohr … Und manchmal … da in Omas Schlafzimmer übernachten dürfen, der Opa zog dann ins Wohnzimmer um … Eingekuschelt und fast verborgen unterm riesigen Federkissen, während Oma vor ihrem Spiegel saß und ihr langes, graues Haar bürstete.

Doch … da in der Kindheit … da gibt es schöne Erinnerungen an den Winter …

Und die hellen Tage dieses Winters und die dunklen Raunächte waren auch sehr besonders.
JETZT ist die Zeit sehr besonders.

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6 Gedanken zu “Winterkind

  1. Nichts zu danken. Ich bin ja froh, dass ich da endlich angekommen bin … weg von diesem >Früher war es so und so, und hoffentlich wird es bald …<

    Die Gelassenheit, die sich im Laufe des Lebens einstellt und auch das Gewahrsam
    sein für den Augenblick, das tut schon sehr gut.

    Herzliche Grüße,
    die Muschelfinderin

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