Wache Nächte

Drei Tage … drei Nächte.
Und die Unterschiedlichkeit, der Gegensatz zwischen Wach- und Unterbewusstsein.

Während die Bella Berlinbesuch hat und freudig mit ihren Freundinnen in der Stadt unterwegs ist … Weihnachtsmarkt, Essen, Theater, philosophisch am Küchentisch … während die Tage leuchten und die frühlingswarme Luft sich mit Zimt und Glühwein mischt, fächert sich innerlich ein ganz anderes Szenarium auf.

Bella ist in Sorge.
Da wird ein enges Familienmitglied operiert.
Da ist – nicht in Worte fassbar, nicht wirklich mit dem Verstand zu fassen, auf einer ganz anderen Ebene ein Unwohlsein am Wirken.
Und ein Erinnern.
Vor Jahrzehnten ist eine Tante morgens leichten Herzens in ein Krankenhaus gefahren und hat dem Ehemann nur einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen …. „Ich lass mich operieren … Mach dir keine Sorgen. Essen steht im Kühlschrank“.
Nein … das ist keine Loriot-Dramaturgie … sondern tatsächlich geschehen.
Die Kinder waren sieben und acht – und gerade aufgebrochen zur Schule.
Und die Tante kam nie mehr zurück.
Hat die Narkose nicht überlebt.
Eine von soundsoviel Hunderttausend ….
Alle waren fassungslos.
Die Familie, nahe Angehörige und Bekannte geschockt.
Da ist der Mensch plötzlich weg.
Ein Leben ausgelöscht… mit Ende dreißig.
Und so ganz ohne Abschied.
Das war wohl das Schlimmste damals.
Was hat sie sich bloß dabei gedacht, ihrem Mann nichts zu sagen?
Und Bella, die war damals auch sieben und litt mit den beiden Jungs, die ihre Mama verloren hatten, mit.
Nie wieder würde dieses glockenhelle Lachen der Tante durch die Räume wehen.
Doch es klingt noch manchmal in Bellas Erinnerungen auf.
Sie erinnert sich noch an eine Autofahrt, als sie sehr klein war … vielleicht drei oder vier.
Die Tante saß am Steuer, Bellas Mama auf dem Beifahrersitz.
Bella lag zusammengerollt auf der Rückbank und döste. Es war mitten in der Nacht.
Gesprächsfetzen durchdrangen den Schlaf … und immer wieder dieses helle Lachen und das leise Klirren der Armreifen, die die Tante in jener Nacht trug.

Da ist eine Tür, und du weißt genau … irgendwann öffnet sie sich.
Und heraus kommt der Tod.

Eine Nacht ohne Schlaf ist ja verkraftbar.
Nach einer zweiten, fällt das Denken schon schwer.
Zumindest fehlen plötzlich Worte … alles verschwimmt ein wenig.
Der Körper fühlt sich irgendwie wolkig an … ebenso das Gehirn …
es schwimmt da so im Kopf herum.
Totmüde legt sich die Bella am dritten Abend ins Bett, schafft eine Buchseite, dann klappen die Augen zu, und mit dem leichten Absinken auf die Matratze schießt ein Adrenalinstoß durch die Adern, und Bella ist hellwach. Hallo? Achtung, Achtung.
Wie paralysiert die ganze Nacht in dieser Anspannung verbringen?
Kein Drehen und Wenden, kein Autogenes Training will helfen.

Das Unterbewusstsein kriecht hervor.

Dann gestern endlich dieser Tag.
Tag X.
Und während die OP gerade anläuft, geht Bella kurz vor die Tür, macht draußen ein paar Schritte und fühlt die Tränen die Wangen herablaufen.
So ist das mit der Liebe.
Sie macht weich und verletzbar.
Da sitzt die Angst.
Und endlich löst sich die Anspannung etwas.
Das Halten und Funktionieren der letzten Tage fällt ab.
Der Kummer, die Sorge ist nun ganz körperlich …
Ein paar tiefe Atemzüge … und dann schnell zurück …
Nach 40 Minuten ist es überstanden.
Die OP ist gut verlaufen.

Die Tür hat sich nicht geöffnet.

DANKE.

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