Die Fahne hochhalten oder: auch Psychiater kriegen Depressionen

Wir nähern uns der Echtzeit. Dem JETZT. Diesem Moment, in dem ich gerade das hier schreibe.
Beziehungsweise – die Bella schreibt und gibt mir ihre Stimme. Doch wenn ihr das lest, ist auch schon wieder Zeit vergangen … Stunden oder Tage.
Jedenfalls sind wir nun mal im November angekommen.

Mit der Depression ist das so´ne Sache. Bei jedem/r kommt ja da was anderes zum Vorschein. Keine Erkrankung ähnelt der anderen, so wie kein Mensch mit keinem anderen vergleichbar ist.
Bella funktioniert auch noch in ihrer Depression.
Da ist ein Teil in ihr, der so tüchtig seine Fahne hoch hält. Diese Fahnenträgerin hat noch immer auf der Stirn geschrieben >mich kriegt keiner unter< und marschiert tapfer mit dem schweren Ding durch die Gegend. Ich weiß nicht, wann das anfing mit dieser Maskerade. Immer schön den Kopf hoch … immer durch … immer die Ärmel aufgekrempelt … immer schön stark sein, die Dinge anpacken – vor allem aber: sich nichts anmerken lassen.
Keine Miene verziehen. Im Inneren herrscht Aufruhr … doch sehen tut man nix. Niente.
Das ist das Problem bei vielen Depressiven.
Man sieht es ihnen nicht an.
Und der Bella schon gar nicht. Die strahlt. Die sieht gut aus. Die fühlt sich auch gut, und muss schon sehr aufmerksam sein in ihrer Wahrnehmung, ob das auch stimmt.
Meist stimmt es nämlich nicht.
Doch gelernt hat sie was anderes. Das Dinges mit der Fahne eben.
Da kommt es schon noch immer vor, dass sie Sachen macht, die ihr nicht gut tun. Oder dass es ihr noch immer schwer fällt, Nein zu sagen, weil ein Anderer ein Ja erwartet.
Fühlt sich komplett unangenehm an, wenn sie darauf angesprochen wird. Zum Beispiel von ihrer Therapeutin. Die hat nämlich die sehr bemerkenswerte Tendenz, genau nachzufragen, den Finger da drauf zu legen … auf dieses >Was fühlen Sie?< . Das, was die Bella so schnell mit Worten umschiffen will … nicht, weil sie nicht reden will … sondern einfach, weil sie es so gelernt hat.
Das >Was fühlen Sie?< reicht schon für einen kleinen Schweißausbruch. Weil meistens meint die Bella, sie fühle gar nichts, doch nach längerem Insistieren von Frau K., der Therapeutin … die ich jetzt mal der Einfachheit halber Frau K. = Frau Ka nennen will … und alle wissen, wer gemeint ist – und ich muss nicht immer diesen Satzanhang (die Therapeutin) dran hängen …. also – wo endet der Satz denn nun? … Frau Ka also … blickt auf die Fassade und lässt sich nicht bluffen.
Toll. Und Bella lernt einmal mehr, wie wichtig es ist, Gesicht zu zeigen. Im wahrsten Sinne. Emotionen, nicht wegzudrücken. Und nicht nur Maske zu zeigen – das macht beim Gegenüber ganz viel Stress (die Still-face-Untersuchungen bestätigen dies) oder verhindert einfach einen authentischen Umgang miteinander.
Überhaupt ist das eine so hilfreiche Sache, einmal wöchentlich bei Frau Ka auf dem Stuhl zu sitzen und sich sortieren helfen zu lassen in diesem Wirrwarr von Gefühlen. Großartig, wenn da jemand ist, der 50 Minuten aufmerksam zuhört. Früher war die Bella immer diejenige, die zugehört hat. Was für ein Luxus also. Ein Mensch, ein Raum und 50 Minuten ungestörtes Miteinanderreden.

Immer noch hat das Wort „Depression“ einen hässlichen Klang. Bei „Burnout“ ist das schon anders. Das ist grade sehr in Mode … und impliziert eine erst mal vordergründige Erschöpfung, die am Beruf angedockt ist und scheinbar ein Anfang und ein Ende hat.
Natürlich stimmt das so nicht. Burnout betrifft bei genauer Betrachtung alle Lebensbereiche und ist gekennzeichnet durch den Verlust des Sinnes … für das eigenes Selbst – und das ist nicht auf den Beruf beschränkbar. Nicht umsonst nennt Rüdiger Dahlke den Burnout einen Seeleninfarkt.

Neulich sah die Bella einen kurzen Film über einen Arzt, der seit 30 Jahren an einem Krankenhaus gearbeitet hat und sich irgendwann im Laufe der Zeit damit konfrontiert sah, dass ihm das Gleiche widerfuhr wie seinen Patienten. Er konnte das jedoch kaum wahrnehmen, spaltete das ab und verleugnete lange seinen Zustand. Bis es nicht mehr ging. Und er sprach darüber, dass ihm in diesem Zustand seine langjährige Erfahrung als Psychiater nicht mehr zur Verfügung stand. Er war hilflos in diesem Moment. Alles, was er gelernt hatte, war für ihn selbst als Betroffener nicht mehr abrufbar.                                                                                         Bei Interesse HIER Schauen: Depression ist heilbar / Arztinterview ab Minute 04:30
Bella war sehr erleichtert, als sie den Film gesehen hatte, denn das ist es genau, was ihr widerfahren ist. Trotz der guten Ausbildung: komplett ins schwarze Loch gerutscht.

30 Prozent der Menschen machen irgendwann in ihrem Leben eine depressive Episode durch.
Wie viele das sind. Und treffen kann es wirklich jeden – egal aus welcher Gesellschaftsschicht, in welchem Alter.

Neulich machte die Bella mal diesen Test und wusste schon vorher, wie das Ergebnis ausfallen würde.
Klar.
Auch das noch.
Hochsensibel also.
Das ist, wenn der Mensch sich von den ganzen Reizen überflutet fühlt. Streicht „fühlt“ – wenn er tatsächlich überflutet wird. Das Gehirn kann nicht als wichtig und unwichtig unterscheiden … alles geht rein … Und die Erregungskurve flaut auch nicht so schnell ab, wie bei Menschen, die das nicht haben.
Okay. Das ist nun auch nur noch ein weiteres Etikett. Doch es hilft verstehen, wie schwer es ist, zu entspannen, sich nicht zu sehr von den Reizen beeinflussen zu lassen (als könne man dagegen etwas tun – das Nervensystem ist nun mal so), warum das mit dem schlechten Schlafen möglich ist, und auch, wie die Migräne das einzige Ventil zu sein scheint, und dann in einer Notreaktion den Deckel vom übervollen Kessel wegschleudert.

Wenn man sich dann mal so eine ganz normale Arbeitssituation vorstellt mit Mehreren in einem Zimmer … und drei Telefonen … und Klientinnen … usw. – alles gleichzeitig …. Kein Wunder.
Da müssen die Synapsen ja überschnappen.

Bedauerlicherweise passiert das aber auch bei Schönem. Auch bei sehr glücklichen Umständen, wenn tiefe Freude empfunden wird, ist es dem Körpersystem und Bellas Kopf manchmal zu viel.
Auch da hebelt sie schon mal eine Migräne aus.
Diese neue Erkenntnis ist interessant und durchaus stressvermindernd, denn früher nahm die Bella immer an, sie hätte irgendwelche Probleme, mache was falsch, habe das Verkehrte gegessen, wenn so eine Migräne kam. Jetzt … mit dieser Erklärung fügt sich plötzlich ein weiteres Puzzleteilchen in das große Bild ein.
Es geht also wohl darum, Entspannungsmethoden zu erlernen, die das Nervensystem auf Dauer nachhaltig beeinflussen können.

Schaun wir mal. Bella ist nicht so der Yoga-Fan. Mit einem Omhm auf dem Kissen zu sitzen, fällt ihr schwer. Vielleicht doch lieber regelmäßig schwimmen?

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