Vögel und Wölfe

(Geschrieben am 18.10.2015)

Wir sind im Bayerischen Wald.
Der Graubezopfte wollte da unbedingt hin, ein paar Tage Urlaub machen, und hat der Bella vorgeschwärmt, wie toll es sei.
Und das ist es wirklich.
Wir sind jeden Tag stundenlang im Wald.
Ich bin ständig dabei. Wie immer geschützt im grünen Beutel in Bellas Rucksack.
Ganz und gar wundersam, wie sich der Wald erholt, wenn der Mensch nicht eingreift.
Im Nationalpark dürfen die alten Bäume umfallen und werden auch liegen gelassen, um Nahrung für alle anderen Pflanzen und Lebewesen zu sein. Der Kreislauf der Natur kommt ins Gleichgewicht, die Vegetation verändert sich. Und seltene Tierarten siedeln sich wieder an.

Die Bella ist verzaubert von diesem bunten Herbstlaub, von den wilden Farnen und den samtig bemoosten Baumstämmen oder Felsbrocken, die hier herumliegen.
Sie hat die Kamera dabei und knipst, was ihr vor die Linse kommt.
Ein Tierfreigehege gibt es, und so viel zu sehen.
Adler, Milane, Uhus und verschiedene Käuze, Auerhühner, eine lustige Otterfamilie, Luchse, die erst abends in der Dämmerung auftauchen, und einen großen Braunbär, der sich genau vor uns platziert und beeindruckend in seiner Größe ist.
Von den Wölfen sehen wir die ersten zwei Tage keine.
Erst am Freitag zur Fütterung tauchen sie aus dem Nebel auf.
Beeindruckend schöne Tiere.
Bella kann sich nicht satt sehen, ist sehr berührt von diesen scheuen Tieren, die ihren Ruf als gefährliches Tier und Bösewicht der Sagen- und Märchenwelt zu verdanken haben.
Die Frage ist wohl – wer gefährdet hier wen?
Der Mensch hat den Wolf fast ausgerottet. In Deutschland galt er Anfang des 20. Jahrhunderts als ausgestorben.
Wir stehen lange vor dem großen Gehege, und ich kann Bellas Freude gut wahrnehmen.
Wie überhaupt hier im Nationalpark.
Die Gedanken sind wieder zur Ruhe gekommen.
Bella ist beschäftigt mit eindrücklichen Sinnesempfindungen, hat einen anstrengenden Aufstieg auf einen Berg hinter sich gebracht. Auch da war Konzentration auf den Weg nötig. Und Stehenbleiben immer wieder, und Wahrnehmen, wie sich bei jedem Schritt die Temperatur veränderte und mit jedem Höhenmeter mehr gefrorene Äste, Eiskristalle und Schneeverwehungen ins Blickfeld schoben. Verzauberung auch dort oben.

Wir sehen auch am Nachmittag noch einmal Wölfe, als wir zu einer anderen Stelle des Nationalparks fahren.
Auch hier gibt es ein großes Tierfreigehege. Und die Wölfe, die dort leben, sind jünger. Teenager sozusagen.
Wir sehen eine trächtige Wölfin, die schwer zu tragen hat an ihrem Bauch, und sechs übermütige verspielte Jungwölfe, die sich die ganze Zeit balgen und miteinander schmusen.
Wunderbare Momente sind das.
Selten, dass die Bella so im Augenblick verweilen kann. Ganz im Hier und Jetzt sozusagen.

Am letzten Tag im Nationalpark machen wir uns auf den Weg auf den Baumwipfelpfad, und die Bella fotografiert den Wald noch mal von oben.
Auch mich, was nicht so einfach ist, denn den Baumturm hinauf bis ganz nach oben auf die Aussichtsplattform, schaffen wir zwar mühelos, nur hat die Bella Angst, mich ungesichert auf die Brüstung zu stellen.thumb_PA179163_1024
Ein Windzug – und das wär´s gewesen. Wenn ich hier hinunterfalle, verschwinde ich im dichten Dickicht des Waldes, und die Bella ist in Sorge, mich zu verlieren.
Also hält sich mich beim Fotografieren mit einer Hand am Drahtbein fest – und so wird es eben ein Fastganzkörperbild.

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Am nächsten Tag fahren wir zufällig an einem Plakat vorbei, auf dem eine Vogelschau angekündigt wird.
Die Bella will da hin, und so besuchen wir diese.
Sofort in der Halle hört man ein Durcheinander von Geschilpe, Gepiepe und Vogelgesängen.
Beim Näherkommen ist es fast nicht zum Aushalten, weil viele der kleinen Vögel in kleinen Käfigen stecken und aufgeregt hin-und-herflattern.
Gimpel, Zeisige, Kanarienvögel, Wellensittiche, kleine Minipapageien, Sittiche, Zebrafinken, Rußköpfchen, aber auch größere Papageienarten sind dort zu sehen.
Bella und auch der Graubezopfte sind ziemlich erschüttert.
Ein Vogel im Käfig ist fast das Schlimmste, was es gibt.
Bella möchte am liebsten die Käfige öffnen und alle Vögel freilassen.
Wir schauen in jeden Käfig, bestaunen die bunten, teilweise prämierten gefiederten Geschöpfe und müssen danach schnell raus an die frische Luft.
Traurig, dieses Eingesperrtsein.
Und Bella flüstert mir zu. „So wie ich … in mir selbst“.
Ich verstehe sofort, was sie meint.
Bella ist mit Vögeln aufgewachsen. Immer waren es Wellensittiche, die die Familie hatte. Und alle waren sie extrem zahm, lustig und konnten teilweise sprechen.
Und sie durften immer in der Wohnung herumflattern. Einer ist zweimal aus dem Fenster geflogen, und die Bella hat ihn draußen auf der Straße gefunden und ihn mit Hilfe seines kleinen Lieblingsspiegels wieder einfangen können.
Die Liebe zu diesen Tieren begleitet sie schon ihr ganzes Leben. Deswegen macht es ihr so viel Freude, sie zu beobachten, sie zu filmen, sie zu malen.
Sie solle doch nicht ständig den Vögeln zusehen, sagte neulich mal jemand zu ihr. Sie solle endlich selbst fliegen.
Da war die Bella empört. Warum wohl?
Wahrheit tut manchmal weh.

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