Halt finden

(Geschrieben am 02.09.2015)

Gedanken ziehen wie Wolken.

Wieder in Berlin.
Es ist der 2. September.
Gestern noch schwitzte alles und jeder bei über 30 Grad im Schatten, dann gab es Regen und Abkühlung.
Nun sitzt die Bella im Wohnzimmer und schaut den vorbei ziehenden Wolken nach.

Der Herbst hält Einzug.
Der Ahornbaum vor dem Fenster hat bereits einen Großteil seiner gelben Blätter abgeworfen.
Und allzu gerne möchte die Bella auch alles Schwere von sich abwerfen.
Dabei ist das gar nicht notwendig.
Dass etwas „schwer“ sei, wird nur gedacht. Etwas wird bewertet und in „gut“ und „weniger gut“ eingeordnet.
Der Kopf darf mal Pause haben.
Der Job ist nun mal gerade kein Thema. Da hat das Müssen aufgehört. Und sofort ist ein neues Müssen da.
Natürlich versteht die Bella die Zusammenhänge. Es ist sie selbst, die so denkt, dass die Welt sei.
Jetzt „muss“ sie doch vielleicht so langsam mal tätig werden? So langsam mal eine Idee kriegen?
Gesund werden? Heil werden?
Eine neue Spirale nach oben. Wieder angekommen in Gedanken und Gefühlen, die schon längst überwunden geglaubt waren.
Mit jedem neuen Auftauchen spürt sie dennoch gleichzeitig auch ihre Absurdität, weiß um ihre Konzepte und spürt, wie sie sich wieder einschleichen. Und wie sie sie dennoch denkt.
Okayyy … egal …
Wieder und wieder.
So ist es halt.
Kein Grund, sich zu verurteilen.
Wenn … dann …
Im Grunde weiß die Bella, dass nicht irgendwann alles besser sein wird … dass sie erst dieses oder jenes tun muss, und dann endlich wird sie glücklich sein … geliebt werden … endlich selbst lieben können.
Wenn … dann …
Das fieseste aller Konzepte.

Immer auf der Suche nach etwas, das die Schwere nimmt, die Ursache des Schmerzes erklärt, mehr Ausgewogenheit und Freude bringt.
Fischen im Ur-Meer der eigenen Befindlichkeit. In dem Wissen darum, es zu tun, ist es kein großes Drama mehr, doch es genügt, um noch reichlich Energie zu binden. Und erst recht in Zeiten, da es unbewusst geschieht. Und immer taucht irgendwas Neues auf, das erst behoben werden „muss“. Ein neues Problem, eine Störung, ein unangenehmes Gefühl.
Doch all das kann die Bella nicht wegmachen … es gehört dazu – zum Menschsein.
Nur die Annahme dessen, was ist, bringt wirkliche Freiheit.
Jedes sich dagegen Wehren und Ankämpfen manifestiert umso mehr ein neues Konzept.
Erst das Mitfließen und die Annahme des jetzigen Zustands bringt den Kontakt zum eigenen Erleben.
Zu dem, was ist. Und nicht zu dem, was gedacht wird, was ist.
Realität ist tricky.
Die Ärztin hat die Krankschreibung verlängert.
Zeit ist gerade kein Thema. Zeit ist gerade genügend da.
„Jetzt ist die Zeit, in der Sie bemerken, wie Sie ticken und verarbeiten … später kommt dann die Phase, in der Sie das neu Gewonnene neu umsetzen zu lernen … und anzuwenden“, meinte die Ärztin gestern. Eine sehr nette Frau mit schönen, lebhaften Augen.
Danke, Frau Doktor.

Vor ein paar Tagen waren wir in den Bergen.
Auf dem Panoramaweg rings um den Wendelstein herum, war es notwendig, die Aufmerksamkeit auf die eigenen Füße zu lenken. Auf dem schmalen Weg ohne Befestigung war der Bella anfangs ziemlich schwindelig, wenn sie hinunter in die Tiefe blickte. Also schaute sie erst mal nur unmittelbar auf den sich vor ihr hinschlängelnden Pfad und war damit beschäftigt, genügend Halt zu finden. Währenddessen beruhigte sich der Atem, die Gedanken kamen zur Ruhe, der Kopf wurde ganz leer.
Nach und nach verschwand der Schwindel und die Schönheit der Natur offenbarte sich in ihrer ganzen Grandiosität. Die Berge – in mehreren Schichten hintereinander aufgereiht – schimmerten blau im Sonnenlicht, schwarze Vögel kreisten, und sogar ein paar Gamsböcke sahen wir.
Einer dieser Bergdohlen schiss der Bella beim Gehen auf den Kopf. „Das bringt ja bekanntlich Glück“, meinte der Graubezopfte.
Und mich setzte die Bella an mehreren Stellen vor ein wunderschönes Panorama und machte ihre Fotos.

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Überhaupt haben die Tage in Bayern gut getan. Auch wenn „nicht wirklich viel passiert ist“, wie die Bella meint, so hat doch im Inneren eine Menge an Verstehen und Verarbeitung stattgefunden. Und an Annahme. Denn angenommen werden kann nur, was grundsätzlich verstanden wurde – danach kann es losgelassen werden.
Die Spur der Schnecken zu verfolgen, die Vögel in den Bäumen zu beobachten und ihrem Gezwitscher zu lauschen, die Katze zu streicheln, Freunde einzuladen und lange zu sitzen und von Herz zu Herz zu sprechen, hat eben eine ganz andere Qualität, als sich Sorgen zu machen.

Ich saß in der Sonne mit meiner neuen Mütze und sah der Bella beim Malen und Fotografieren zu.

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Friedfertige, ruhige Tage.
Tage zum Halt finden.
Tage zum Üben.

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