Einer dieser Tage

(Geschrieben am 05.08.2015)

Keine gute Nacht.
Die Bella wird um 3.00 Uhr wach und kann nicht mehr schlafen.
Dieser Mechanismus, sofort ganz da zu sein – augenblicklich von 0 auf 100 – sowas von hellwach – und nicht zurück zu finden in einen Schlafmodus.
Keine Entspannung mehr möglich.
Sie steht auf, trinkt was in der Küche. Legt sich wieder hin. Steht erneut auf. Ich höre die Toilettenspülung.
Wieder ins Bett. Sie wälzt sich hin und her … und dann beginnt das Grübeln. Was wohl wird … Was grad ist … die Sinnlosigkeit … die Angst … dazu das Gefühl, es nicht zu schaffen … den beruflichen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein … überhaupt … das ganze Leben …
Diese Stunde vor dem Morgengrauen … es heißt ja nicht umsonst so … das Grauen, das da kommt … in dieser Stunde also, die am schwärzesten ist.
Gut, wenn die Bella überhaupt den Tag schafft, denkt sie.
Gut, wenn die Bella überhaupt den Tag schafft, denke ich.

Um 5.00 nickt sie dann doch noch mal ein.
Um kurz nach 6.00 steht sie auf.
Guckt in den Spiegel.
Erschrickt vor sich selbst.
Da blickt ihr ihr Migräne-Gesicht entgegen.
Oh nein … nicht auch noch das, denkt sie.
Diese Augenringe, diese dunklen, kennt sie. Hat sie nur, wenn da was im Anmarsch ist.
Und dann überhaupt.
Über den Ringen noch zwei dunkle Balken.

„Keki..“
„Ja, Bella?“
„Guck doch bloß mal, wie ich aussehe …“
„Ja … ich seh schon … müde …“
„Nein, das mein ich nicht. Guck doch mal meine Augenbrauen! Ich schau aus wie Frida Kahlo…“
(Die Bella war gestern beim Friseur und hatte sich die Augenbrauen färben lassen.)
Ich versuche, optimistisch zu klingen.
„Die Frida Kahlo war eine sehr interessante und höchst talentierte Person.“
„Ja … das weiß ich … Doch muss ich nun auch so aussehen? Wo ich mich sowieso schon fürchterlich fühle…
Das ist ein mieser Scheißtag!.“

Später, nach dem zweiten Kaffee klingelt das Telefon, und der Graubezopfte ist dran.
(Zur Erklärung: die Bella und ihr Mann leben nur sporadisch zusammen. Der Graubezopfte hat beruflich viel in einer anderen Stadt zu tun und ist daher tageweise nicht anwesend.)
Die Bella kann nicht gut zuhören, ist genervt, sagt das auch und verabschiedet sich schnell.
Hat dann einen Anflug von schlechtem Gewissen.
„Das war jetzt aber nicht nett, oder?“
Ich lächle. „Geht es dir darum, nett zu sein, oder authentisch?“
Bella verzieht das Gesicht … die dicken Augenbrauen rücken Richtung Nasenwurzel zusammen, so dass ihr Gesicht wieder diesen grüblerischen Ausdruck bekommt.
„Na ja … ich weiß nur immer, was ich alles NICHT will. Was ich WILL – keine Ahnung.“
Ich nicke. „Du wirst es rausfinden, Bella. Ganz sicher.“

Einer dieser Tage

Geht so weiter … der Tag.
Mittlerweile ist es schon mittags, halb zwei..

Erst war ja schlechtes Wetter.
Also heißt: Wolken.
Ein Grund also, um drin zu bleiben.
Doch nun scheint schon ewig die Sonne, und die Bella mag nicht raus.
Mag heute gar nichts.
Nicht mal essen.
Aber Kaffee geht.
Kaffee geht immer.
Danach ist die Bella regelrecht süchtig. Trinkt immer Cappuccino – frisch zubereitet mit ihrer kleinen Espressomaschine.
Jedenfalls sitzt die Bella jetzt vor dem sonnigen Wohnzimmerfenster und guckt nach draußen.
„Sollen wir vielleicht doch eine kleine Runde machen?“, starte ich vorsichtig.
Bella schüttelt den Kopf.
„Weißt du Keki, das mit dem Denken ist ja gerade so eine Sache. Das funktioniert ja gerade nicht so gut. Irgendwas mit dem Serotonin und so … das wird nicht ausreichend gebildet in meinem Gehirn. Und von dem Noradrenalin fehlt wohl auch etwas. Der Stoffwechsel meines Gehirns ist also komplett durcheinander. Deswegen schlafe ich schlecht, kann mich nicht mehr konzentrieren und bin so antriebsarm. Und so vergesslich … meine Güte … Wie war nochmal dein Name?“
Erschrocken schau ich der Bella ins Gesicht, doch sie scherzt nur. Da ist ein Lächeln zu sehen. Das erste Mal heute, dass die Mundwinkel nach oben zeigen.
„Also … egal. Wenn nun das Denken nicht klappt, könnte ich ja wenigstens meine Hände benutzen. Ich könnte doch was malen, aber dazu kann ich mich auch nicht aufraffen. Zu nichts kann ich mich aufraffen, heute.“
„Das macht doch nichts, Bella. das ist völlig in Ordnung. Ist halt einer DIESER Tage. Du musst dich doch nicht zu was zwingen. Du musst gerade überhaupt nichts.“
„Ja. Schwer auszuhalten.“

Doch dann … kurze Zeit später … setzt sich die Bella an den PC und gibt mir meine Stimme und lässt mich ihren Zustand beschreiben.

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