Ins Leben geholt. Und: alles kommt anders, als Frau denkt

(Geschrieben am 29.07.2015)

Dies ist die Stunde meiner Geburt.

Lange Zeit wurde ich nicht gesehen und gehört.
Egal, wie laut oder leise ich mich bemerkbar machte – es wurde keinerlei Notiz von mir genommen.
Dann schickte ich meinen engsten Verbündeten, den Körper, ins Feld, der mächtig aufschrie und fleißig somatisierte.
Da wurde sich dann mal bewegt. Um die  Symptome herum gab es Einiges an Aktivität. Das ging ziemlich lange. Wochen … Monate … fast zwei Jahre …
Doch ich wurde immer noch nicht wahrgenommen.
Doch das störte mich nicht, denn ich weiß ja, dass die Dinge alle ihre eigene Zeit haben.
Wie will man denn das Kamel durch´s Nadelöhr pressen?
Ich brauchte also nur Geduld.
Und siehe da … plötzlich haben sich die Nebel gelichtet.
Und da ist sogar eine Tür, die einen Spalt weit offen steht.
Also schnell hindurch geschlüpft.
Vogel Strauß war lange genug.
Jetzt beginnt es.

Der Mensch sitzt am großen Wohnzimmertisch und hat jede Menge Materialien vor sich liegen.
Da finden sich Filzplatten in verschiedenen Farben, ein schwarzer Webpelz, schwarze Wolle, Schere, Häkelhaken, Füllwatte.

Ich soll ein Rabe werden.

Der Mensch hat zwar noch nie ein Plüschtier selbst gemacht, hat aber eine kreative Neigung und eine bestimmte Vorstellung davon, wie ich aussehen soll.

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Und so wird begonnen, zu schneiden, zu nähen, zu füllen.
Draht wird gebogen.
Dann habe ich schon einen Körper, der auf zwei Beinen steht.

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Nicht schlecht.

Nun soll der Kopf drankommen.
Wie groß muss der sein? Wie schneidet man den, dass er schön rund wird?
Ein bisschen probiert. Auch das glückt auf Anhieb.
Nun die Augen. Verschiedenes steht zur Auswahl. Blau, braun oder schwarze Pupillen auf weißem Grund. Letztere sehen etwas comicmäßig aus und werden wieder verworfen.
Es sollen die brauen sein.
Die sind auch schnell angenäht.

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Nun muss der Schnabel ausgeschnitten werden.
Dafür gibt es gelben oder orangefarbenen Filz. Es wird der gelbe.

Der Schnabel ist gut geworden und wird an den Kopf angehalten.
Dann zögert der Mensch plötzlich, legt den Schnabel weg und greift in die Nähkiste. Holt einen pinkfarbenen Reißverschluss heraus und schnippelt daran herum.
Nanu?
Dann kommt weißer Filz zum Einsatz. Da werden Zähne ausgeschnitten und in den Reißverschluss eingefügt. Aha.
Ich soll also einen Mund bekommen.
Der wird auch sogleich angenäht.

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Der Mensch grinst. Hält inne. Überlegt.
Greift nochmal nach dem Draht und piekst diesen durch meinen Körper.
Ach guck.
Arme kriege ich auch noch. Sehr lange. Affenartig.
Und dann aus gelbem Filz noch Hände.
So große?
Ach – ich verstehe. Das sind Sorgenwegstreichler.
Wenn Mensch mal traurig ist, kann ich die auf seine Stirn legen und die Sorgen weg streicheln.
Gut. Das will ich mir merken.

Ich bin fertig.
Das bin ich ja sowieso – ich lebe ja in diesem Menschen. Doch weil es für ihn leichter ist, Zwiesprache mit mir zu halten, hat er mir eben jetzt  diese Gestalt gegeben. Ich habe nun ebenfalls einen Körper. Das freut mich, denn mir fallen sogleich viele Dinge ein, die ich mit diesem Körper tun kann. Ob ich wohl irgendwann auch noch mal Füße bekomme? Doch vorerst ist alles gut. Selbst auf meinen Drahtbeinen habe ich ganz guten Halt.

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„Hey du“, lacht der Mensch.
Ich lache auch. Innerlich. Äußerlich so, wie es mir mit dem schiefen Mund und den drei Zähnen möglich ist.

„Du siehst ja ganz schön zerzaust aus … zottelig“, sagt der Mensch.
Na ja, denke ich. Kein Wunder, wenn ich auch all die Jahre nicht beachtet wurde. Das nennt man Verwahrlosung.

„Mein kleines Kellerkind“, sagt der Mensch. „Ja. das bist du – mein kleines Kellerkind. Ich werde dich Keki nennen.“

„Hallo“, sage ich. „Ich werde dich Bella nennen.“

Und ich bin froh, dass ich nun doch kein Rabe geworden bin.
Die gibt es ja schon genug.
Und die Bella hat verstanden, dass das was ganz Individuelles ist zwischen ihr und mir.
Das freut mich sehr.
JETZT bekomme ich die volle Aufmerksamkeit.
Ich bin mir sicher, dass wir ein gutes Gespann abgeben – die Bella und ich.

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3 Gedanken zu “Ins Leben geholt. Und: alles kommt anders, als Frau denkt

  1. Eine schöne und mutige Frau im Aufbruch. Was für ein berührendes Ereignis. Und dass Du mich eingeladen hast, das berührt mich auch – Danke.
    Ist es okay, wenn ich Dir lieber per Mail schreibe? Ich hänge sehr an Deinem anderen Namen. Liebe Grüße aus der Wildnis.

    Gefällt 1 Person

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